162

Hierauf  leistete  der  König  laut  und  deutlich  den  Eid:

„Ich  schwöre  nach  der  Verfassung  und  den  Ge—
setzen  des  Reiches  zu  regieren,  so  wahr  mir  Gott
helfe  und  sein  heiliges  Evangelium.“

Dann  fuhr  er  fort:

„Der  König,  mein  vielgeliebter  Vater,  hat  mir  aus
freier  Entschließung  die  Krone  des  Reichs  übergeben.  Ich
fühle,  indem  ich  dieselbe  übernehme,  die  Größe  und  Schwierigkeit
  meiner  Aufgabe;  um  dieselbe  lösen  zu  können,  zähle
ich  besonders  auf  die  um  mich  versammelten  Stände  des
Reiches.  Ich  hoffe  auf  die  Hülfe  des  Allmächtigen,  daß  er
mir  Licht  und  Kraft  verleihen  werde,  die  übernommene
Pflicht  treu  zu  erfüllen.  Die  Verfassungsurkunde  ist  die
Basis,  von  welcher  alle  Verbesserungen  ausgehen  müssen.  Ich
werde  stets  bemüht  sein  im  Geiste  derselben  zu  regieren.
Nochmals  bitte  ich,  gewähren  Sie  mir  Ihre  Unterstützung.“  ...

Der  Monarch  war  gerührt;  seine  so  wohlklingende  Stimme
ward  weich  und  warm.  Es  war  ein  ergreifender  Akt.  Mancher
  rief  sein  „Hoch!“  mit  feuchten  Augen.

Max  II.  hatte  feierlich  gelobt,  nach  dem  Geiste  des
Staatsgrundgesetzes  zu  regieren,  nicht  nach  ihrem  Buchstaben.
Darin  lag  die  ganze  Hoffnung  des  Volkes  auf  bessere  Tage.

Am  22.  März  waren  um  ein  Uhr  Mittags  beide  Kammern
  im  Saale  der  Abgeordneten  versammelt.  Die  Logen  und
Gallerien  sind  überfüllt.  Einige  Minuten  nach  ein  Uhr  erscheint
die  Königin  Marie  in  Begleitung  der  Prinzessin  Luitpold  und
nimmt  dem  Throne  gegenüber  in  der  Hofloge  Platz.  Aller
Blicke  haften  auf  dieser  Gestalt  voll  Anmuth.  Dann  tritt
Max  II.  mit  der  üblichen  Begleitung  in  den  Saal,  voll  Anstand
  und  Majestät;  läßt  sich  auf  dem  Throne  nieder  und  verliest
  oder  spricht  vielmehr  die  Thronrede,  die  zugleich  das  Programm
  seiner  Regierung  ist.  Die  ersten  Sätze  sind  seines  Vaters