— 365 — Auf diese Antwort war die ehrliche Frau nicht gefaßt gewesen. Fast vergessend, daß sie vor der Kurfürstin stand, rief sie aus: „Nein, gnädige Kurfürstin, das ist gar zu kränkend. Geben Sie mir die Musik meines Sohnes zurück! Das hat weder er, noch haben wir es verdient. Wir sind arme, aber ehrliche Landleute. Einer solchen Lüge würden wir uns nie schuldig machen.“ Die Kurfürstin dachte viel zu hochherzig, als daß sie in dieser Art eine Verletzung der Hochachtung hätte erblicken sollen. „Gute Frau“, erwiderte sie halb lächelnd, „so habe ich es nicht gemeint. Weder Sie, noch Ihr Sohn brauchen unwahr gesprochen zu haben. Aber wahrscheinlich hat ihm einer seiner Lehrer dabei geholfen.“ „Nein, Königliche Hoheit, auch das nicht. Er hat schon längst keinen Lehrer mehr, und was er für das Seinige ausgiebt, hat er gewiß auch selbst gemacht. Wir haben ihn stets so erzogen, daß wir sicher sein können, es gehe keine Unwahrheit über seine Lippen. Er hat schon zwei Opern ge- schrieben, die in Venedig aufgeführt worden sind und gefallen haben. Ich glaubte, es müßte unserer Durchlauchtigsten Kurfürstin selbst Freude machen, wenn ein armes Landkind sich auswärts Ehre erwirbt! Um so tiefer schmerzt mich solch ein Vorwurf. Noch einmal, gnädigste Kurfürstin, wenn Sie glauben, es sei nicht meines Sohnes Arbeit, so geben Sie mir solche zurück!“ „Das werde ich nicht, gutes Mütterchen! Aber genauere Erkundigungen werde ich einziehen lassen, und findet sich's, wie ich nach Euern Reden nun schon hoffe, daß Euer Sohn dergleichen schöne Sachen selbst verfertigen kann, so soll er gewiß nicht lange mehr in der Fremde bleiben; so will ich gewiß ihn hier in seinem Vaterlande versorgen, und Ihr sollt die Freude bald haben, ihn wieder zu sehen.“ Die Kurfürstin hielt Wort. Unverzüglich ließ sie in Italien über Naumann Erkundigungen einziehen, und da diese höchst günstig ausfielen, so erhielt er durch ihre Verwendung eine Anstellung bei der kurfürstlichen Kapelle. Später (1776) ernannte ihn der Kurfürst zum Kapellmeister. Anhänglichkeit an sein Vaterland und die Auszeichnungen, womit ihn der Kurfürst beehrte, bestimmten ihn, die glänzenden Anerbietungen, welche ihm Friedrich der Große und die Könige von Schweden und Dänemark, Letzterer wiederholt machten, auszuschlagen. · Naumanns Name war durch eine Menge vortrefflicher Com- positionen von Psalmen, Liedern, Kirchenmusiken und mehreren Opern ein überall gefeierter. Wie aber die Sonne sehr oft kurz vor ihrem Untergange ihre Strahlen noch einmal in ihrem vollen Glanze leuchten läßt, so entfalten große Männer im Angesichte ihres nahen Endes nicht selten auch die ganze Fülle ihres Geistes. Naumann schuf wenige Jahre vor seinem Ende ein Werk, das für alle Zeiten die Freunde der Musik erheben und begeistern wird, und dies war die Composition des (Klopstockschen) Vaterunsers. Als er sein Werk in Prag aufgeführt hatte, trat eine Herzogin (von Kurland) zu ihm, ergriff seine Hand und sprach: „Ich danke Ihnen von ganzer Seelel! Denn mich dünkt, ich liebe Gott und Menschen mehr, seit ich diese himm- lische Musik gehört habe. Ich werde, zufrieden mit jedem Schicksale, sagen können: Herr, dein Wille geschehe! Dein Reich komme!“ Die allgemeinste Theilnahme erregte Naumanns Tod. Am 21. Oktober 1801, abends 5 Uhr, unternahm er einen Spaziergang