Dezember  1903.  3

Es  gibt,  meine  Herren,  eine  doppelte  Art  der  Kritik:  es  gibt  die  Kritik,
die  offen  und  ungescheut  Mißstände  zur  Sprache  bringt,  in  der  patrio—
tischen  Absicht,  sie  dadurch  zur  Heilung  zu  bringen  und  dadurch  den
Körper  gesund  zu  erhalten.  Es  gibt  aber  auch  eine  Art  der  Kritik,
der  es  viel  mehr  auf  einen  Agitationsstoff  ankommt  als  auf  die  Sache

(Sehr  richtig!  rechts:  Widerspruch  bei  den  Sozialdemokraten),
und  das  ist  die  Art  der  Kritik,  die  seit  Monaten,  die  seit  Jahren  auf
dem  empfindlichsten  Gebiet,  das  wir  haben,  auf  diesem  Gebiet,  wo  mehr
als  auf  irgend  einem  anderen  die  höchsten  Interessen  des  Vaterlandes
auf  dem  Spiel  stehen,  auf  militärischem  Gebiet  von  sozialdemokratischer
Seite  geübt  wird.

(Sehr  richtig!  rechts  und  bei  den  Nationalliberalen.)
Das  ist  ja  überhaupt  kennzeichnend  für  Sie,  meine  Herren  (zu  den
Sozialdemokraten)  —  und  das  zog  sich  auch  wie  ein  roter  Faden  durch
die  Ausführungen  des  Herrn  Abgeordneten  Bebel  —,  jeden  einzelnen
Fall  zu  verallgemeinern,  immer  die  Ausnahme  zur  Regel  aufzubauschen.

(Sehr  richtig!  rechts  und  bei  den  Nationalliberalen;
Zuruf  der  Sozialdemokraten.)

—  Nicht  mit  Recht,  Herr  Bebel!  Denn  wenn  sich  irgendwo  ein  Mitglied
der  bürgerlichen  Gesellschaft,  wenn  sich  ein  Unternehmer,  ein  Offizier,
ein  Unteroffizier,  ein  Geistlicher,  ein  Richter  eine  Blöße  gibt,  so  stellen
Sie  die  Sache  so  dar,  als  ob  die  ganze  bürgerliche  Gesellschaft  schuld  wäre,
als  ob  das  die  Schuld  der  heutigen  bürgerlichen  und  gesellschaftlichen
Ordnung  wäre,  als  ob  es  nicht  auch  bei  Ihnen  räudige  Schafe  gäbe
(sehr  wahr),
als  ob  es  nicht  auch  in  Ihren  Reihen  rohe,  nichtsnutzige,  gemeinc,
schwache  Menschen  gäbe.  Die  Armee  setzt  sich  zusammen  aus  600000
Mann  mit  einem  Unteroffizierkorps  von  rund  80000  Mann.  Daß
unter  einer  halben  Million  Menschen,  die  sich  aus  allen  Bevölkerungsklassen
  rekrutieren,  Ausschreitungen  vorkommen,  meine  Herren,  das
motiviert  noch  nicht  die  Angriffe,  die  in  der  jüngsten  Zeit  so  vielfach
gegen  unsere  militärischen  Institutionen  gerichtet  worden  sind.  Solche
Erscheinungen,  wie  die  zur  Sprache  gebrachten,  finden  sich  auch  in
anderen  Berufsklassen,  es  kommen  auch  in  anderen  Ständen  brutale
Eingriffe  und  libergriffe  vor,  auch  anderswo  Mißhandlungen.  Ich
konstatiere,  daß  solche  tief  betrübenden  und  unbedingt  zu  mißbilligenden
Erscheinungen  in  der  Armee  mit  jedem  Jahr  abnehmen.  Ich  konstatiere
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