Dezember  1903.  9

Und  dann,  meine  Herren,  wenn  ich  mich  wirklich  zum  Millerand  ent—
wickelte  oder  mir  einen  Millerand  zulegen  würde
(Heiterkeit),
diesem  Millerand  von  keiner  Seite  mehr  Knüppel  zwischen  die  Räder
geschoben  werden  würden  als  von  dem  Herrn  Abgeordneten  Bebel.
(Sehr  wahr!  sehr  richtig.)

Darüber,  Herr  Bebel,  werden  Sie  sich  doch  wohl  selbst  nicht  nach  den  Verhandlungen
  des  Dresdener  Parteitages  irgendwie  im  Zweifel  sein  können.
(Lebhaftes  Bravo.)

Meine  Herren,  ich  habe  vor  einem  Jahre  gesagt,  daß  von  einem
Stillstand  der  sozialpolitischen  Gesetzgebung  nicht  die  Rede  sein
könne.  Daran  halte  ich  fest.  Die  verbündeten  Regierungen  werden  sich,
wie  Sie  aus  der  Thronrede  ersehen  haben,  in  ihren  arbeiterfreundlichen
Bestrebungen  nicht  irremachen  lassen.  Wir  werden  auch  weiter  bemüht
sein,  Leben  und  Gesundheit  der  Arbeiter  immer  besser  zu  schützen.  Wir
werden  auch  versuchen,  nach  und  nach  die  großen  Fragen  der  Arbeitszeit
und  der  Arbeitsverfassung,  der  Frauen=  und  Kinderarbeit,  der  Lohnzahlungsmethode
  so  weit  zu  lösen,  als  dies  möglich  ist  unter  voller
Aufrechterhaltung  unserer  Konkurrenzfähigkeit  auf  dem  Weltmarkt.  Wir
betrachten  es  als  die  Pflicht  des  Staates,  wie,  wenn  ich  mich  nicht  irre,
mein  auf  diesem  Gebiete  so  kompetenter  Nachbar  Graf  Posadowsky
einmal  gesagt  hat,  ich  glaube,  es  war  in  Düsseldorf  —  wir  betrachten
es  als  die  Pflicht  des  Staates,  den  Arbeiter  in  möglichst  umfassender,
in  möglichst  wenig  bedrückender,  dem  Stande  unserer  heutigen  Kultur
entsprechender  Weise  gegen  die  Gefahren  seines  Berufslebens  zu  schützen.
Wir  wollen  nicht  nur  fortführen,  was  auf  dem  Gebiete  des  Arbeiterschutzes
  und  der  Arbeiterversicherung  schon  geschaffen  ist,  sondern  wir
hoffen  auch,  allmählich  denjenigen  Aufgaben  näher  treten  zu  können,  die
noch  der  Lösung  harren.  Diese  Aufgaben  sind  für  das  nächste  Jahrzehnt
die  Witwen=  und  Waisenversorgung  und,  wie  ich  hoffe,  später  auch  einmal
die  Arbeitslosenversicherung.

Wir  werden  aber  diese  Aufgaben  nur  lösen  können,  wenn  wir  auf
der  sozialen  Bahn,  wenn  wir  in  dem,  was  ich  den  Kampf,  den  ewigen
Kampf  gegen  das  menschliche  Elend  neune,  Schritt  für  Schritt  vorgehen,
ohne  den  Boden  der  Wirklichkeit  unter  den  Füßen  zu  verlieren,  ohne
durch  unreife  und  unpraktische  Forderungen,  wie  sie  von  sozialdemokratischer
  Seite  gestellt  werden,  unser  ganzes  wirtschaftliches  Leben  mit
Katastrophen  zu  bedrohen,  durch  Forderungen,  von  denen  jeder  weiß,