10  1.  Soziale  Reformen.  —  Byzantinismus.

daß  sie  nicht  oder  noch  nicht  realisiert  werden  können.  Durch  solche
Forderungen  wird  lediglich  ein  besonnener  und  stetiger  Fortschritt  auf
der  sozialen  Bahn  erschwert.  Indem  sie  fortgesetzt  solche  Forderungen
erhebt,  erleichtert  die  Sozialdemokratie  nicht  die  sozialpolitischen  Reformen,
wie  der  Herr  Abgeordnete  Bebel  mir  dies  soeben  in  freundliche  Anssicht
stellen  wollte,  sondern  sie  erschwert  solche  Reformen.
(Sehr  richtig!)

Und  es  ist  noch  ein  anderer  Grund,  der  die  sozialpolitische  Gesetzgebung
  hemmt  und  erschwert,  und  den  will  ich  Ihnen  offen  sagen.  Der
Abgeordnete  Bebel  hat  niemals  ein  Hehl  daraus  gemacht,  daß  er  ein
Gegner  der  bestehenden  Verfassung,  ein  Gegner  der  Monarchie,  daß
er  Republikaner  ist.  Durch  nichts  aber  werden  die  Bestrebungen  zugunsten
  der  Arbeiter  mehr  erschwert,  und  nichts  ist  ein  größeres
Hemmnis  für  eine  Verbesserung  der  Lage  der  Arbeiter  als  die  sozialdemokratische
  Gepflogenheit,  die  Bestrebungen  zugunsten  der  Arbeiter
mit  antimonarchischen  Zielen  und  Tendenzen  zu  verquicken.

(Sehr  wahrl!)
Und  nichts  ist  unlogischer.  Die  Geschichte  beweist,  daß  die  Sozialreform
  eines  Landes  völlig  unabhängig  ist  von  seiner  Staatsverfassung;
die  Geschichte  beweist,  daß  es  mit  der  Republik  allein  auch  nicht  getan  ist.

(Sehr  wahrl!)
Ich  bin  viel  herumgekommen,  ich  glaube,  objektiv  zu  sein.  Ich  kann
Sie  versichern,  daß  in  Republiken  auch  mit  Wasser  gekocht  wird

(Heiterkeit),
daß  es  auch  da  sehr  häufig  hapert,  und  daß  es  ein  großer  Irrtum  ist,
zu  glauben,  daß  es  irgend  ein  politisches  Universalserum  gäbe,  um  alle
menschlichen  Krankheiten  und  Leiden  zu  heilen.  Ich  sage  also,  daß  der
Hang  der  Sozialdemokratie,  ihre  republikanische  Gesinnung  in  den
Vordergrund  zu  schieben,  schädlich  ist  für  die  Fortführung  der  Sozialreform,
  und  daß  er  im  hohen  Grade  ungerecht  ist.  Es  gibt  keine
Republik,  wo  so  viel  für  die  arbeitenden  Klassen  geschehen  ist,  wie  bei
uns  geschehen  ist.  Der  Herr  Abgeordnete  Bebel  sprach  uns  eben  von
seinen  Schweizer  Freunden.  Er  bewohnt  während  eines  Teils  des
Sommers  die  schöne  Schweiz.  Es  wird  ihm  sicherlich  nicht  unbekannt
sein,  daß  in  der  Schweiz  große  sozialpolitische  Gesetze  angenommen
wurden  von  der  Bundesversammlung,  aber  in  der  Volksabstimmung
fielen.  Das  bekannte  Projekt  für  die  Arbeitslosenversicherung  wurde  in
Basel-Stadt  vom  Großen  Rat  des  Kantons  angenommen,  dagegen  im