14  1.  Soziale  Reformen.  —  Sozialistische  Zukunftspläne.

Meine  Herren,  der  Abgeordnete  Bebel  hat  uns  wieder  eine  Rede
gehalten,  wo  sich  eine  kritische  Bemerkung  an  die  andere  anreihte,  wie
eine  Perle  an  die  andere.  Wenn  ich  der  Sozialdemokratie  ein  Zeugnis
auszustellen  hätte,  so  würde  ich  sagen:  Kritik,  Agitation  und  —  das
gebe  ich  Ihnen  vollkommen  zu  da  können  Sie  sehen,  wie  objektiv  ich
bin  —  Disziplin  und  Opferfreudigkeit  Ia

(stürmische  Heiterkeit);
positive  Leistungen,  Klarheit  des  Programms  Vhb.
(Erneute  schallende  Heiterkeit.)

In  der  Sitzung  des  Reichstages  vom  26.  November  1884  beschäftigte
sich  Fürst  Bismarck  mit  dem  Anwachsen  der  Sozialdemokratie.  Mein
großer  Amtsvorgänger  sagte  damals:

Ich  bin  über  diese  Vergrößerung  gar  nicht  unglücklich.  Je
größer  die  Zahl  der  sozialistischen  Abgeordneten  wird,  desto  mehr
wird  ihnen  die  Ehrenpflicht  obliegen,  doch  bald  mit  positiven
Plänen  hervorzutreten  und  zu  sagen,  wie  sich  in  ihren  Köpfen
die  Zukunft  der  Welt  und  die  Verfassung  gestaltet.  Bisher  sind
sie  damit  im  Rückstand  geblieben.  Was  besteht,  ist  alles  schlecht,
das  unterliegt  ihrer  Kritik,  wird  alles  verworfen.  —  Also  die
Kritik  ist  außerordentlich  leicht,  aber  das  Bessermachen!  Wenn
ich  doch  endlich  einmal  eine  Verfassung,  eine  solche  Gesetzgebung
sehen  könnte,  wie  die  Herren  Führer  der  Sozialdemokraten  sie
sich  denken.  Sie  sind  jetzt  25;  das  zweite  Dutzend  haben  sie  also;
ich  will  ihnen  noch  das  dritte  geben;  wenn  sie  aber  36  sind,  erwarte
  ich  mit  Sicherheit,  daß  sie  ihren  vollen  Operationsplan  zur
Verfassung,  wie  sie  sein  soll,  entwerfen;  sonst  glaube  ich,  sie
können  nichts.

Meine  Herren,  seitdem  sind  beinahe  20  Jahre  verflossen.  Die
Sozialdemokratie  hat  das  sechste  Dutzend  Mandate  bereits  überschritten.
Aber  den  vollen  Operationsplan  der  Verfassung,  den  Fürst  Bismarck
von  Ihnen  verlangte,  den  haben  Sie  uns  immer  noch  nicht  verraten.
Wenn  es  früher  hieß,  daß  es  dazu  noch  zu  früh  wäre,  so  können  wir
eine  solche  Entschuldigung  heute  nicht  mehr  gelten  lassen.

Der  Herr  Abgeordnete  Bebel  hat  im  Juni  in  Karlsruhe  gesagt,
daß  der  Untergang  der  bürgerlichen  Gesellschaft  viel  näher  bevorstünde,
als  sie  es  selbst  glaube.  Da  ist  es  doch  natürlich,  daß  wir  wissen
möchten,  was  uns  bevorsteht.

(Heiterkeit.)