16  1.  Sozialistische  Zukunftspläne.

der  vor  einiger  Zeit  in  einem  Artikel  der  „Nation“  schrieb,  für  die
Sozialdemokratie  sei  jetzt  endlich  der  Augenblick  gekommen,  nicht  mehr
wie  bisher  eine  Politik  unfruchtbarer  Demonstrationen  und  Agitationen
zu  machen,  sondern  zu  zeigen,  was  sie  Positives  leisten,  was  sie  Positives
hervorbringen  könnte.

Meine  Herren,  ich  habe  mich  nicht  erst  seit  heute  und  gestern,  ich
habe  mich  seit  Jahren  redlich  bemüht,  aus  Ihren  Reden,  denen  ich
immer  besonders  aufmerksam  zuhöre,  und  aus  Ihren  Schriften  mich
darüber  zu  informieren,  wie  nun  Ihr  Zukunftsstaat  praktisch  eingerichtet
werden  soll,  wie  Ihr  Zukunftsstaat  eigentlich  aussehen  soll.  Die  Ausbeute
  war  unendlich  gering.  Das  Konkreteste,  was  ich  darüber  gelesen
habe,  war  noch  ein  Aufsatz,  der  vor  drei  oder  vier  Jahren  erschien  in
einer  Zeitschrift,  deren  Mitarbeiter  zum  Teil  persönliche  Bekannte  von
mir  waren,  und  der  mir  übersandt  worden  ist,  in  der  Zeitschrift  „Kosmopolis“,
  und  dann  die  Broschüre  „Die  soziale  Revolution“  von  Herrn
Kautsky,  die  ich  als  Bädeker,  als  grünen  Bädeker  für  die  Reise
nach  Utopien  bei  mir  habe.

(Große  Heiterkeit.)

Also,  meine  Herren,  in  dem  Aufsatz  des  Herrn  Liebknecht  hieß  es
über  den  Zukunftsstaat  dem  es  war  dieser  Aufsatz  die  möglichst  präzise
Antwort  auf  die  Frage,  wie  es  in  dem  Zukunftsstaate  aussehen  würde  —:

Verschwinden  werden  die  Kasernen,  denn  wir  haben  keine  Soldaten

mehr,  und  verschwinden  werden  die  Zuchthäuser,  denn  die  Gesellschaft

  wird  sich  ohne  Verbrecher  behelfen.
(Heiterkeit.)

Verschwinden  werden  die  Instizpaläste,  denn  an  Prozessen  wird

Mangel  sein.  Verschwinden  werden  —  rein  aus  Schönheitsrücksichten

  —  die  entsetzlichen  Bauungeheuer,  durch  die  man  heute

den  Menschen  beweisen  will,  daß  außerhalb  dieser  Welt  der

Materie  eine  bessere  Welt  über  dem  Sternenzelt  sei.  Denkmäler

der  Kunst  wird  man  dafür  um  so  andachtsvoller  verehren.  Verschwinden

  werden  die  Bastillen  der  Arbeit,  die  Fabriken,  verschwinden
  werden  die  Löcher,  nicht  gut  genug  für  das  Vieh.  Und
verschwinden  werden  die  ungesunden,  fieberverbreitenden  Häuserwüsteneien
  und  Häusersümpfe,  genannt  Großstädte.  Der  Unterschied
  zwischen  Stadt  und  Land  wird  aufhören,  und  dank  den
vervollkommneten  Beförderungsmitteln  werden  die  Menschen  nicht
mehr  Sklaven  der  Entfernungen  sein,  und  ohne  sich  von  den
Kulturgenüssen  zu  trennen,  in  der  freien  Natur  leben  können.