Dezember  1903.  17

Meine  Herren,  da  frage  ich  doch  mit  aller  Rücksicht,  die  ich  für
einen  ehrlichen  und  überzeugten  Mann  hege,  der  jetzt  unter  der  Erde
ruht:  Ist  es  möglich,  von  dem  Zukunftsprogramm  einer  großen  Partei,
einer  Partei,  die  alles  Bestehende  umstürzen  will,  ein  nebelhafteres,
phantastischeres,  unklareres  Bild  zu  entwerfen,  als  es  hier  einer  der  hervorragendsten
  parlamentarischen  Führer  der  Sozialdemokratie  getan  hat?

Was  mich  bei  solchen  und  ähnlichen  Zukunftsbildern  nur  immer
wundert,  ist,  daß  die  Farben  nicht  noch  dicker  aufgetragen  werden.
Wenn  ich  schon  das  Aufhören  der  Verbrechen,  der  Zuchthänser,  der
großen  Städte  und  der  Fabriken  verspreche,  warum  nicht  auch  das
Aufhören  von  Kopf=  und  Zahnweh,  von  Tod  und  Krankheit.

(Heiterkeit.)
Vielleicht  kommt  das  noch.  Wenn  ich  an  Ihrer  Stelle  stände,  würde
ich  die  Farben  noch  viel  dicker  auftragen.

Bei  Herrn  Kautsky  habe  ich  gelesen,  daß  an  dem  Tage  nach
dem  Siege  der  sozialdemokratischen  Partei  die  Grundeigentümer,  die
Daß  bei  einem  solchen  großen  Raubzug  auch  nur  die  Lage  der  Arbeiter
sich  wirklich  und  dauernd  bessern  würde,  dafür  bleibt  Herr  Kautsky  den
Beweis  vollkommen  schuldig.  Wie  in  dem  Zukunftsstaat  nun  praktisch
regiert  werden  soll,  wie  bei  der  in  Aussicht  genommenen  Herabsetzung
der  Arbeitszeit  und  Steigerung  der  Arbeitslöhne  eine  Verringerung  der
Produktion  verhindert  werden  soll,  wie  bei  der  Zuweisung  der  Arbeit
dem  Arbeiter  auch  nur  der  bescheidenste  Rest  von  persönlicher  Freiheit
aus  eigener  Initiative  bleiben  soll,  welcher  Maßstab  der  Verteilung
gelten  soll,  ob  gleichmäßig  oder  nach  Maßgabe  der  Leistung  —  über
alle  diese  entscheidenden  und  grundlegenden  Fragen  erfahren  wir  so  gut
wie  gar  nichts.  Ich  bin  also  vollkommen  berechtigt,  zu  sagen,  daß  es
der  Sprung  eines  Blinden  ins  Dunkle  ist,  den  uns  die  Sozialdemokratie
mit  ihrer  ganzen  Agitation,  mit  ihren  ewigen  Klagen  zumntet.  Was
Sie  an  die  Stelle  des  Bestehenden  setzen  wollen  —  das  hat  ja  der
Dresdener  Parteitag  jedem  gezeigt  —,  das  wissen  Sie  eben  selbst  nicht,
darüber  sind  Sie  sich  selbst  nicht  klar,  darin  sind  Sie  nicht  einmal
untereinander  einig.  Wenn  es  wirklich  die  Durchführung  Ihres  Parteiprogramms
  sein  würde,  so  käme  das  heraus  —  es  ist  schon  vor  mir
gesagt  worden  —  auf  die  Schaffung  eines  riesigen  Staatszuchthauses,
auf  ein  kolossales  ergastulum,  wo  es  kein  Mensch  aushalten  würde.
Es  wird  aber  niemals  gelingen,  einen  solchen  Zuchthausstaat  aufrechtzuerhalten.
  Die  von  Herrn  Bebel  in  Aussicht  genommene  Nivellierung

Peuzler,  Fürst  Bülows  Reden  2c.  II.  2