18  1.  Sozialistische  Zukunftspläue.

wäre  natürlich  nur  möglich  und  denkbar,  wie  er  das  mehr  als  einmal  in
seinen  Schriften  entwickelt  hat,  durch  die  Anwendung  der  brutalsten  Gewalt.
  Aber  selbst  wenn  die  von  Ihnen  in  Aussicht  genommene  Diktatur
des  Proletariats  durchgeführt  würde,  wenn  momentan  der  Besitz  aller
Menschen  gleich  gemacht  würde,  so  würde  das  morgen  wieder  anders
sein,  denn  es  wird  stets  fleißige  und  faule,  sparsame  und  verschwenderische,
  kluge  und  dumme  Menschen  geben.

(Zwischenrufe  bei  den  Sozialdemokraten.)

Ach,  Herr  Bebel,  ich  habe  aus  den  Verhandlungen  Ihres  letzten
Parteitages  den  Eindruck  entnommen,  daß  Sie  manchen  Ihrer  Parteigenossen
  für  sehr  viel  weniger  fleißig  halten  als  sich  selbst;  daß  mancher
von  Ihüen  manchen  anderen  für  sehr  viel  dümmer  hält  als  sich  selbst.
Daran,  an  der  Besonderheit  der  Menschen,  an  ihrem  Bedürfnis  nach
individueller  Freiheit,  welche  macht,  daß  der  Mensch  nicht  getrieben
und  geleitet  und  von  Herrn  Bebel  an  den  Pflock  gebunden  werden  will,
daran  werden  Sie  scheitern,  auch  wenn  Sie  sich  nicht  vorher  die  Köpfe
einrennen  an  den  ehernen  Mauern  der  gegenwärtigen  Staats=  und
Gesellschaftsordnung,  die  sehr  viel  fester  ist,  als  Sie  glauben.

(Sehr  richtig!)
Es  ist  ja  unmöglich,  sich  mit  diesem  Thema  zu  beschäftigen,  ohne  den
Herrn  Abgeordneten  Bebel  auf  Schritt  und  Tritt  auf  Widersprüchen
zu  ertappen.  Diejenige  Staats=  und  Gesellschaftsordnung,  die  Sie  durchführen
  wollen,  Herr  Bebel,  und  die  Sie  am  Schluß  Ihrer  Ausführungen
herbeiwünschten,  wäre  doch  nur  möglich  bei  einem  Mangel  an  Egoismus,
bei  einem  Altruismus,  bei  einer  gegenseitigen  Bruderliebe,  wie  sie  meines
Wissens  bisher  in  keinem  Staatswesen  und  in  keiner  Gesellschaft  anzutreffen
  gewesen  sind.  Ihre  Republik,  Herr  Bebel,  wäre  wie  die
Republik  des  Plato  nur  möglich  mit  Engeln  und  Engelssöhnen.  Bilden
Sie  sich  etwa  ein,  ein  solcher  Engel  zu  sein?

(Heiterkeit.)
Sie  sind  mir  ein  netter  Engel!

(Stürmische  Heiterkeit.)

Und  glauben  Sie,  daß  Sie  Engel  züchten,  indem  Sie  immerfort  an  den
Neid,  das  Mißtranen,  den  Haß,  an  alle  schlechten  menschlichen  Leidenschaften
  appellieren?  Wer,  wie  Sie,  den  berechtigten  und  natürlichen

Egoismus,  auf  dem  bis  jetzt  jede  gesellschaftliche  und  staatliche  Ordnung
mit  beruht  hat,  ersetzen  will  durch  eine  angeblich  höhere  Form  selbst-