20  1.  Sozialistische  Zukunftspläue.

Sich  auf  diese  Frage  vorzubereiten,  haben  Sie  ja  allen  Grund,  wo  Sie
uns  sagen,  daß  unser  Untergang  und  Ihr  Regierungsantritt  so  nahe
bevorsteht,  und  wo  Sie,  ebenfalls  in  Dresden,  erklärt  haben,  die  Sozialdemokraten
  würden,  wenn  sie  am  Ruder  wären,  ihre  Sache  ganz  vorzüglich
  machen.
(Heiterkeit  rechts.)
Und  wie  denken  Sie  sich  das  Verhältnis  zu  Rußland
(Heiterkeit),
über  das  Sie  sich  soeben  so  überaus  unfreundlich  und  gehässig  ausgesprochen
  haben?  Vor  einigen  Wochen  las  ich  in  einer  italienischen
Zeitung  einen  Brief,  den  der  Herr  Abgeordnete  Bebel  an  einen  italienischen
Freund,  den  Abgeordneten  Enrieo  Ferri,  einen  italienischen  Sozialisten,
gerichtet  hatte.  In  dem  Briefe  hieß  es,  die  deutsche  Sozialdemokratie
ignoriere  das  Zarentum.
(Lachen  rechts.  Zuruf.)
—  Herr  Bebel,  ich  habe  den  Brief  in  der  Presse  gelesen.  Wenn  Sie
den  Brief  nicht  geschrieben  haben,  dann  freut  es  mich  für  Sie.  Aber
glauben  Sie,  daß  Sie,  einmal  am  Ruder,  das  mächtige  russische  Reich
mit  130  Millionen  ignorieren  würden?

Ich  lese  beständig  in  sozialdemokratischen  Blättern  Angriffe  gegen
Rußland,  beinahe  so  scharf  wie  das,  was  der  Herr  Abgeordnete
Bebel  hier  eben  über  Rußland  gesagt  hat.  Ich  lese  da,  kein  Mittel
müßte  unversucht  gelassen  werden,  dem  russischen  Kaisertum  den  Abschen
des  deutschen  Volkes,  den  Haß  des  deutschen  Volkes  zum  Ausdruck  zu
bringen.  Glauben  Sie,  daß  mit  solchen  Tendenzen  ein  friedliches  Verhältnis
  möglich  wäre  zwischen  uns  und  Rußland,  wie  es  dem  wohlverstandenen
  Interesse  des  deutschen  Volkes  entspricht?  Wer  vor  solchen
Unklarheiten,  solchen  Widersprüchen,  so  viel  Rätseln  steht,  der  sollte  sich
mehr  in  seiner  Kritik  mäßigen,  als  es  der  Herr  Abgeordnete  Bebel
heute  getan  hat.

(Sehr  gut!  rechts  und  bei  den  Nationalliberalen;

Zurufe  bei  den  Sozialdemokraten),
der  sollte  nicht  die  bestehende  Gesellschaft  umstürzen  wollen,  denn  er  hat
gar  nichts  Besseres  an  ihre  Stelle  zu  setzen.

(Sehr  gut!)

Das  größte  Pech,  das  dem  Herrn  Abgeordneten  Bebel  und  der  Sozialdemokratie
  passieren  könnte  —  das  habe  ich  oft  gedacht  —,  wäre,  wenn
Sie  durch  irgend  ein  Wunder  plötzlich  in  die  Gewalt,  an  die  Macht  kämen

(Zurufe  von  den  Sozialdemokraten):