24  2.  Replik  des  Reichskanzlers  gegen  Bebel.

könnte  ihm  doch  einen  Ort  nennen,  wo  in  dieser  Beziehung  auch  nichts
Übles  geleistet  wurde.
(Stürmische  Heiterkeit.)
Ich  könnte  ihm  sogar  einen  Herrn  nennen,  der  im  Schimpfen  einiges
leistet;  das  werde  ich  aber  nicht  tun.
(Große  Heiterkeit.)

Nun  hat  der  Herr  Abgeordnete  Bebel  bei  dieser  Gelegenheit  auch
gesagt,  wir,  die  wir  in  seinen  Augen  die  große  bourgeoise  Masse  bilden,
d.  h.  die  sehr  große  Mehrheit  des  Hohen  Hauses  und  alles,  was  hier  auf
dieser  Bank  sitzt,  wir  seien  die  Feinde  der  Bildung.  Mir  scheint,  daß  die
bürgerliche  Gesellschaft  unserer  Generation  wie  die  der  vorhergegangenen
Generationen,  über  die  der  Herr  Abgeordnete  Bebel  sich  so  unfreundlich
  geäußert  hat,  doch  einiges  geleistet  haben  für  die  Bildung  und  den
geistigen  Fortschritt  der  Nation.  Wie  steht  aber  der  Herr  Abgeordnete
Bebel  selbst  zur  Bildung?  Was  liegt  denn  seinem  Hasse  gegen  die
Akademiker  im  letzten  Ende  anders  zu  Grunde  als  Mißtranen  und
Haß  gegen  die  Bildung?

(Sehr  wahr!  sehr  gut!  rechts.)
Diese  Abneigung  ist  auch  ganz  natürlich.  Denn  jede  Bildung  —  ich
spreche  nicht  von  Halbbildung,  sondern  von  wirklicher  und  echter  Bildung
  —  führt  zu  individueller  Meinung  und  selbständiger  Anschauung,
und  das  ist  nicht  verträglich  mit  dem  sozialdemokratischen  Programm,
das  paßt  nicht  zum  Zukunftsstaat.
(Zurufe  bei  den  Sozialdemokraten.)

—  Herr  Bebel,  habe  ich  Sie  ein  einziges  Mal  unterbrochen?  Nun  seien
Sie  doch  so  freundlich  und  unterbrechen  Sie  mich  auch  nicht.  Sie  haben
drei  Stunden  unausgesetzt  geredet;  haben  Sie  jetzt  die  Freundlichkeit,  stille
zu  sein,  während  ich  rede.

Der  Herr  Abgeordnete  Bebel  ist  auch  auf  die  auswärtige  Politik
gekommen  und  hat  mir  zum  zweitenmal  meine  Haltung  in  der  Mandschurei
  vorgeworfen.  Als  auswärtiger  Politiker  kann  ich  es  eben  dem
Herrn  Abgeordneten  Bebel  nie  recht  machen.  Wenn  wir  irgendwo  einschreiten
  müssen  in  Verteidigung  deutscher  Rechte  und  deutscher  Interessen,
  mag  es  in  China  oder  in  Südamerika  sein,  so  heißt  es  bei  ihm,
wir  wollten  überall  dabei  sein,  wir  machten  uns  odios  oder  lächerlich.
Wenn  wir  aber  nicht  einschreiten,  heißt  es,  wir  ließen  Gewalt  vor  Recht
gehen.  Was  Ostasien  angeht,  so  ist  unser  Programm  dort  sehr  einfach:
wir  wollen  festhalten  und  entwickeln,  was  wir  dort  besitzen,  wir  wollen