28  2.  Replik  des  Reichskanzlers  gegen  Bebel.

ein  Beamter,  der  Beamter  bleibt  mit  sozialdemokratischen  Anschanungen,
macht  sich  des  Eid-  und  Treubruchs  schuldig.

(Lebhafte  Zustimmung  rechts.)
Einen  solchen  Beamten  werden  wir  nicht  dulden.

Der  Herr  Abgeordnete  Bebel  hat  wieder  gesprochen  von  den  positiven
  Leistungen  der  Sozialdmokratie.  Wo  sind  diese  positiven
Leistungen?  Ich  sehe  nur  eine  fortgesetzte  wüste  Kritik,  ich
sehe  einen  ununterbrochenen  Appell  an  die  niedrigsten  Instinkte,
  an  die  schlechtesten  Leidenschaften

(sehr  richtig!):
ich  sehe  einen  blinden  Fanatismus,  einen  engherzigen  Dogmatismus,
  ich  sehe  das  vollständige  Fehlen  aller  derjenigen
Eigenschaften,  die  man  immer  mit  so  großem  Recht  als  gute
deutsche  Eigenschaften  bezeichnet  hat:  die  Innerlichkeit,  das
Zartgefühl,  die  Ehrerbietung  —  jawohl  die  Ehrerbietung,  von
der  Goethe  gesagt  hat:  „Mein  Gemüt  neigt  zur  Ehrerbietung“  —  ich
sehe  eine  geistlose,  humorlose,  die  Gemüter  ausdörrende
Agitation

(lebhafte  Zustimmung),
die  wie  ein  trockener  Samum,  wie  ein  entnervender  Sirocco
über  die  deutschen  Lande  hinweggeht.
(Lebhafte  Zustimmung  rechts.)

Meine  Herren,  die  Klagen  des  Herrn  Abgeordneten  Bebel,  seine  erregten
  Anklagen  über  Druck,  über  Tyrannei  und  Helotentum,  wie  er
sich  heute  ausdrückte  —  diese  Klagen  sind  deshalb  unbegründet  und
innerlich  unwahr,  weil  der  Herr  Abgeordnete  Bebel  die  gegenwärtigen,
von  ihm  so  heftig  angegriffenen,  von  ihm  mißachteten  Zustände  in
Deutschland,  die  aber  doch  legale  und  verfassungsmäßige  Zustände  sind,
beseitigen  will,  um  uns  hineinzuführen  in  seinen  Absolutismus.  Das
würde  allerdings  ein  Despotismus  sein,  der  noch  ganz  anders  ausschauen
würde  als  der  patriarchalische  Absolutismus  der  alten  Zeit,  über  den
Herr  Bebel  eben  hergezogen  ist.  Das  würde  ein  Absolutismus  werden,
der  in  der  Tat  an  diejenigen  Zustände  erinnern  würde,  von  denen  er
neulich  gesprochen  hat,  an  die  Zustände  im  sinkenden  Rom.  Uber  dem
Lager  der  Sozialdemokratie  weht  nicht  die  Fahne  wahrer  Freiheit.

(Sehr  richtig!)
Wenn  die  Sozialdemokraten  jemals  ans  Ruder  kämen,  so  würde  man
sagen,  daß  die  Beschwerden,  die  sie  vorher  vorgebracht  haben,  daß  die