42  6.  Mittelstands=  und  Polenpolitik.

reiche  Interessen  auszugleichen  und  viele  Divergenzen  zu  beseitigen.
Das  kann  nicht  von  heute  auf  morgen,  das  kann  nur  allmählich  geschehen.

Meine  Herren,  ich  glaube,  daß  die  große  Mehrheit  dieses  Hohen
Hanses,  ebenso  wie  die  Mehrheit  des  Reichstages  und  wie  die  Mehrheit
im  Lande  das  baldige  Zustandekommen  von  Handelsverträgen  auf  für
uns  annehmbarer  Basis  wünscht.  Die  verbündeten  Regierungen  sind
von  dem  lebhaften  Wunsche  erfüllt,  sobald  als  möglich  unseren  Zolltaris
in  Kraft  treten  zu  lassen  und  die  Vorteile,  die  er  der  Landwirtschaft
bietet,  dieser  sobald  als  möglich  zu  gewähren.  Ich  möchte  aber  den
Wunsch  aussprechen,  daß  die  Position  unserer  Unterhändler  und  der
Regierungen,  die  hinter  diesen  Unterhändlern  stehen,  von  allen  Seiten
gestärkt  werden  möge,  gestärkt  auch  dadurch,  daß  Sie  uns  das  Vertrauen
schenken,  daß  wir  die  Interessen  der  heimatlichen  Arbeit  mit  derselben
Entschiedenheit  und  derselben  Sachkenutnis  wahrnehmen,  wie  dies  von
den  Unterhändlern  anderer  Länder  zum  Vorteil  dieser  Länder  vorausgesetzt
  wird.

Der  Herr  Abgeordnete  Graf  Stirum  ist  auch  auf  die  Mittelstandspolitik
  zu  sprechen  gekommen  und  hat  bei  dieser  Gelegenheit
Vorwürfe  gegen  meinen  Stellvertreter  im  Reich,  gegen  den  Herrn  Staatssekretär
  des  Innern  erhoben.  Der  Herr  Graf  Stirum  meinte,  daß  wir
nicht  genügend  einträten  für  den  Mittelstand,  d.  h.  für  die  Forderung
des  Handwerks  und  des  Kleingewerbes,  für  die  Erhaltung  und  Kräftigung
  des  Bauernstandes  und  des  Kleinhandels.  Wenn  der  Herr  Abgeordnete
  Graf  Stirum  mir  Mangel  an  Interesse  und  Mangel  an
Verständnis  für  die  Mittelstandspolitik  in  diesem  Sinne  vorwirft,  so
tut  er  mir  unrecht,  und  ich  darf  hinzufügen,  daß  er  dem  Staatssekretär
des  Innern,  dem  Grafen  Posadowsky,  gerade  so  sehr  unrecht  tut.  Ich
bin  mir  der  Bedeutung  dieser  weiten  Kreise  unseres  Volkes  in  wirtschaftlicher
  wie  in  sozialpolitischer  Hinsicht  sehr  wohl  bewußt.  Ich  weiß,
daß  sie  in  unserem  staatlichen  Organismus  wie  in  unserem  Volksleben
einen  bedeutsamen  Faktor  darstellen,  dessen  Pflege  für  uns  von  dem
größten  Interesse  ist.  Ich  weiß  auch,  daß  die  moderne  Entwicklung
der  Dinge  mit  ihrem  Zug  nach  den  großen  Städten,  mit  der  Erstarkung
  des  Großbetriebes,  mit  der  Vervollkommnung  der  Verkehrsmittel
gerade  diesen  Schichten  ihren  Kampf  um  ihre  Existenz  in  hohem  Grade
erschwert.  Mit  dieser  Entwicklung  müssen  wir  rechnen.  Zurückschrauben
können  wir  sie  nicht.  Aber  allerdings  betrachte  ich  es  als  die  Pflicht
der  Regierung,  hier  ausgleichend  einzugreifen,  soweit  sich  die  wirtschaftlich
schwachen  Teile  der  Bevölkerung  aus  eigener  Kraft  nicht  wehren  und