Februar  1904.  53

Nun  ist  heute  auch  gesagt  worden,  es  sei  sehr  schwierig,  zu  definieren,
wer  eigentlich  Anarchist  sei,  und  welche  Handlungen  als  anarchistische
zu  betrachten  und  zu  behandeln  wären.  In  der  Theorie  mag  das
schwierig  sein,  wenn  es  sich  z.  B.  um  die  Redaktion  eines  Gesetzentwurfs
handelt.  In  der  Praxis  liegt  die  Sache  aber  doch  bedeutend  einfacher.
Ich  glaube,  daß  niemand  in  diesem  Hohen  Hause,  der  daran  zweifelt,
daß  Schriften,  wie  sie  neulich  mein  verehrter  Nachbar,  der  hier  neben
mir  sitzt,  der  Herr  Justizminister,  im  preußischen  Abgeordnetenhause
verlesen  hat,  einen  anarchistischen  Charakter  tragen.

(Sehr  richtigl)

Ich  möchte  aber  auch  darauf  hinweisen,  daß  die  Bestimmung,  auf
welche  Russen  sich  die  Beobachtungstätigkeit  des  russischen  Agenten  zu
erstrecken  hat,  und  über  wen  ihm  Auskunft  zu  erteilen  ist,  in  Deutschland
lediglich  den  deutschen  Behörden  zusteht.  Diese  haben  die  Pflicht,
darüber  zu  wachen,  daß  der  russischen  Polizei  nicht  weiter,  aber  so  weit
Hilfe  geleistet  wird,  wie  dies  der  Zweck  der  solidarischen  Bekämpfung
des  Anarchismus  erheischt.  Kommen  dabei  Fehlgriffe  vor,  so  werden
sie  korrigiert  werden.  Von  Maßnahmen  gegen  russische  Liberale  oder
gar  gegen  deutsche  Staatsangehörige  ist  gar  nicht  die  Rede.  Es  ist
noch  keinem  russischen  Studenten,  der  sich  bei  uns  bilden,  der  in  unseren
Hörsälen,  in  unseren  Universitäten  der  Wissenschaft  leben  will,  irgendwelches
  Hindernis  in  den  Weg  gelegt  worden.  Die  fremden  Studenten
werden  bei  uns  mit  derselben  Liberalität  behandelt  wie  die  einheimischen.
Aber  die  Entscheidung  darüber,  was  Fremde  bei  uns  tun,
und  was  sie  nicht  tun  dürfen,  steht  der  Regierung  dieses
Landes  zu,  nicht  fremden  Nihilisten  und  ihren  Beratern  und
Helfern  von  der  sozialdemokratischen  Partei.

(Lebhafte  Zustimmung.)
Und  wenn  die  fremden  Herren  sich  bei  uns  so  mausig  machen,  wie  sie
dies  in  der  letzten  Zeit  getan  haben,  wenn  sie  so  impertinente  Erklärungen
  verfassen,  wie  sie  Herr  Bebel  soeben  verlesen  hat,  und  wie  sie
in  der  Tat  die  hiesigen  slavischen  Studenten  unter  Führung  des  Herrn
Mandelstamm  und  Silberfarb

(stürmische  Heiterkeit)
vor  einiger  Zeit  vom  Stapel  gelassen  haben,  so  werde  ich  dafür  sorgen,
daß  solche  Leute  ausgewiesen  werden.

(Lebhafte  Zustimmung.  Zuruf  von  den
Sozialdemokraten.)