März  1904.  61

begreife  ich  nicht,  wie  man  das  Parlament  und  parlamentarische  Anträge
  so  wenig  ernst  nehmen  kann,  daß  man  Beschlüsse  faßt  mit  der
Erwartung,  in  der  stillen  Hoffnung,  mit  der  reserratio  mentalis:  die  Regierung
  würde  nicht  darauf  eingehen.
(Heiterkeit  und  Sehr  gut!)

Das  ist  beinahe  jesuitisch,  Herr  Hackenberg!

(Große  Heiterkeit.)
Ich  mache  also  die  Herren  darauf  aufmerksam,  daß  ich  viel  zu  konstitutionell
  bin,  als  daß  ich  in  Abstimmungen  und  Anträgen  nicht  immer
die  ernstliche  Absicht  sehen  sollte,  das  Beschlossene  und  Beantragte  nun
auch  wirklich  realisiert  zu  sehen.

(Sehr  gut!)

Also,  meine  Herren,  mein  Standpunkt  in  der  Frage  der  Aufhebung
des  §  2  entsprach  durchaus  dem  Standpunkt,  welchen  die  Mehrheit  der
nationalliberalen  Partei  seit  vielen  Jahren  und  bis  in  die  letzte  Zeit
eingenommen  hat.  Meine  Haltung  entsprach  aber  auch  dem  Standpunkt,
  den  die  konservative  Partei  eingenommen  hat.  Sie  wissen  alle,
meine  Herren,  daß  unter  dem  Antrag  auf  Aufhebung  des  §&amp;  2  die
Namen  standen  des  Herrn  Grafen  von  Stirum,  des  Herrn  Frhrn.
von  Richthofen,  des  leider  verstorbenen  Abgeordneten  Grafen  Clemens
Klinckowström,  des  von  uns  allen  beklagten  Herrn  von  Levetzow  und
vieler  anderer  hervorragender  konservativer  Abgeordneter.  Und  wer
konservative  Autorität  nicht  gelten  lassen  will,  den  hat  mit  Recht  der
Herr  Abgeordnete  Porsch  soeben  daran  erinnert,  daß  der  erste  Antrag
auf  Aufhebung  des  §  2  ausgegangen  ist  von  einem  Liberalen,  von  einem
ausgesprochenen  Liberalen,  von  einem  alten  Fortschrittsmann,  von  dem
Herrn  Abgeordneten  Rickert,  daß  der  erste  förmliche  Antrag  den  Namen
des  Herrn  Abgeordneten  Rickert  trug.

Also  in  der  Frage  der  Aufhebung  des  Artikels  2  befinde  ich  mich
im  Einklang  nicht  nur  mit  dem,  was  ich  für  nützlich  und  notwendig
halte  für  das  Land,  sondern  auch  mit  allen  Parteien,  mit  der  großen
Mehrheit  des  Reichstags,  und  insbesondere  auch  mit  der  Mehrheit
der  nationalliberalen  Partei.  Wenn  man,  wie  soeben  Herr  von  Heydebrand,
  von  Schwäche  gesprochen  hat,  so  kann  es  sich  keinesfalls  um
Schwäche  handeln  gegenüber  irgend  einer  Partei,  sondern  es  kann  sich
nur  handeln  um  ein  freundliches  Entgegenkommen  gegenüber  einem
Beschluß,  den  mit  überwältigender  Mehrheit  der  Reichstag  angenommen
hat.  Und  wenn  —  was  ich  bestreite  —  in  dieser  Frage  gesündigt