März  1904.  65

schaft  allein  gepachtet  hat,  die  jeden  verdammt,  der  einer  anderen  Weltauffassung
  huldigt:  und  diese  Unduldsamkeit  findet  sich  nicht  nur  bei
denjenigen,  die  festhalten  an  der  christlichen  Weltanschauung.

(Sehr  wahr!)

Von  meinen  drei  Herren  Vorrednern  3)  ist  die  Kluft  zwischen  den
Konfessionen  beklagt  worden.  Meine  Herren,  ich  habe  mehr  als  einmal
von  dieser  Stelle  darauf  hingewiesen,  daß  unter  den  Konfessionen  wie
zwischen  den  Konfessionen  und  dem  Staat  grundsätzliche  Gegensätze  bestehen,
  die  wir  nie  werden  beilegen  können.  Aber  wir  müssen
trachten,  auf  praktischem  Gebiet  zu  einem  friedlichen  Nebeneinanderleben
  zu  kommen,  wir  müssen  sehen,  daß  wir  auf
dem  Gebiet  der  konkreten  Tatsachen  ein  friedliches  Einvernehmen
  herstellen  und  wo  es  mangelhaft  ist,  verbessern.
Der  Kampf  der  Lehre  wird  nicht  aufhören,  solange  nicht  eine
der  beiden  Kirchen  aufgehört  haben  wird  zu  bestehen.  Soweit
das  menschliche  Auge  in  die  Zukunft  reicht,  wird  das  nicht
der  Fall  sein.  Was  soll  aber  dabei  herauskommen,  wenn  in
in  der  Weise,  wie  es  zu  meinem  Bedauern  neuerdings  geschehen
  ist,  der  Kampf  der  Lehre,  der  Prinzipien,  der  Doktrin
auf  das  politische  Gebiet  übertragen  wird.  Ich  halte  es  für
eine  der  größten  staatsmännischen  Leistungen  des  Fürsten  Bismarck  und
für  sein  unvergängliches  Verdienst,  daß  er  es  verstanden  hat,  den
Kulturkampf  beizulegen.  Ich  bin  nicht  der  Ansicht  eines  Hauptrufers
im  konfessionellen  Streit,  des  Herrn  Superintendenten  Meyer  in  Zwickau,
der  sich  oft  mit  meiner  politischen  Haltung  beschäftigt  und  der  in  seiner
Rede,  die  ich  von  ihm  gelesen  habe,  die  Beilegung  des  Kulturkampfes
durch  den  Fürsten  Bismarck  den  „schmählichen  Kulturfrieden“  nannte
und  sie  als  eins  der  traurigsten  Ereignisse  der  deutschen  Geschichte,  fast
trauriger  als  den  Canossagang  König  Heinrichs  IV.  bezeichnete.  Wenn
ich  solche  und  ähnliche  Elukubrationen  höre  und  lese,  wenn  ich  manche
der  Angriffe  lese,  welche  gegen  die  Königliche  Staatsregierung  wegen
ihrer  Haltung  hinsichtlich  der  Aufhebung  des  §  2  gerichtet  sind,  so  verstehe
  ich  die  Empfindung,  mit  der  Hus  dem  alten  Weibe  zusah,  dem
stupiden,  alten  Weibe,  das  Reisig  zu  seinem  Scheiterhaufen  herbeitrug.

Die  große  Mehrheit  des  deutschen  Volkes  will  nach
meiner  Uberzeugung  nichts  wissen  von  einem  neuen  Kulturkampf,
  den  die  Fanatiker  auf  beiden  Seiten  zu  entzünden

3)  D.  Hackenberg,  Dr.  Porsch  und  Dr.  von  Heydebrand  und  der  Lase.

Penzler,  Fürst  Bülows  Reden  2c.  II.  5