72  9.  Aufhebung  von  §  2  des  Jespuitengesetzes.

zu  sagen,  daß  mein  Eintreten  für  eine  Erhöhung  der  landwirtschaftlichen
  Zölle  eine  Schwäche  gegenüber  der  konservativen  Partei  gewesen
wäre,  wie  es  auch  falsch  wäre  zu  sagen,  daß  die  stramme  Polenpolitik,
die  ich  vertrete,  und  die  zu  meiner  Freude  von  der  nationalliberalen
Partei  unterstützt  wird,  eine  Nachgiebigkeit  gegenüber  der  nationalliberalen
  Partei  wäre,  diese  Polenpolitik,  von  der  ich  hoffe,  daß,  wenn  sie
nach  den  Osterferien  wieder  hier  auf  der  Tagesordnung  steht,  ich  dann
den  Herrn  Abgeordneten  Dr.  Friedberg  in  dieser  Frage  an  meiner
Seite  finden  werde.  Also  ich  wiederhole:  mit  den  Verhältnissen,  wie
sie  liegen,  muß  jeder  praktische  Politiker  rechnen,  denn  die  Politik,
Herr  Dr.  Friedberg,  ist  der  ordo  rerum  agibilium.  Das  hat  schon  der
Heilige  Thomas  von  Aquino  gesagt,  dessen  Zitierung  Sie  mir  hoffentlich
  nicht  als  eine  neue  Konzessson  an  das  Zentrum  vorwerfen  werden.
(Große  Heiterkeit.)
Die  Königliche  Staatsregierung  darf  sich  von  keiner  Partei  regieren
lassen,  sie  hat  aber  die  Pflicht,  die  Kräfte  jeder  Partei  zu  verwerten,
jede  staatserhaltende  Partei  nach  Möglichkeit  zu  verwerten  für  das  Wohl
des  Ganzen,  für  die  Gesamtheit.  Gewiß,  meine  Herren,  wenn  eine
Partei,  wie  nach  den  gegenwärtigen  Verhältnissen  das  Zentrum,  die
stärkste  Partei  im  Reichstage  ist,  so  legt  ihr  das  meines  Erachtens  auch
ganz  besondere  Pflichten  auf  gegenüber  dem  Vaterlande,  es  legt  ihr
die  Pflicht  auf,  dafür  zu  sorgen,  daß  die  Regierungsmaschine  im  Gang
bleibt.
(Sehr  richtig!)

Wenn  die  Partei  sich  dieser  Verpflichtung  entzöge,  so  würde  dadurch
nicht  nur  das  Wohl  des  Landes  geschädigt  werden,  es  würde  sich  auch
unfehlbar  an  der  Partei  selbst  rächen.

Ich  betrachte  es  aber  nicht  nur  als  meine  Aufgabe,  Fühlung  zu
halten  mit  den  staatserhaltenden  Parteien,  ich  betrachte  es  auch  als
meine  Pflicht,  darüber  hinaus  die  staatserhaltenden  Parteien  zu  einigen
gegenüber  den  Gefahren,  auf  die  ich  vorgestern  am  Schlusse  meiner
Ausführungen  hingewiesen  habe.  Und  ich  kann  nur  mein  Bedauern
darüber  aussprechen,  wenn  mir  diese  meine  Aufgabe  so  sehr  erschwert
wird,  wie  das  durch  Reden  geschieht,  wie  sie  gestern  Herrn  von  Eynern
und  heute  Herr  Dr.  Friedberg  gehalten  haben.

(Widerspruch  bei  den  Nationalliberalen.)

Aus  jedem  Wort  der  Ausführungen  des  Herrn  Abgeordneten
Dr.  Friedberg  ging  hervor,  daß  er  von  der  Besorgnis  erfüllt  ist,  die
Königliche  Staatsregierung  und  ich  speziell  wären  zu  nachgiebig  gegen-