April  1904.  75

was  für  uns  möglich  ist,  damit  sich  aus  dem  Duell  im  fernen  Osten
kein  Weltkrieg  entwickelt.  Das  ist  ein  Hauptgrund  für  unsere  loyale
und  strikte  Neutralität.  Diese  Neutralität  geht  allerdings  schon  daraus
hervor,  daß  wir  keinen  Anlaß  haben,  uns  in  einen  Krieg  einzumischen,
der  die  deutschen  Interessen  nicht  direkt  berührt.  Und  endlich  ist  das
auch  das  sicherste  Mittel,  um  unseren  Handel  und  unser  Wirtschaftsleben
  tunlichst  vor  Schädigungen  zu  bewahren.

Nun  ist,  meine  Herren,  ja  gegen  uns  mehrfach  der  Vorwurf  erhoben
  worden  —  ein  Fraktionsgenosse  des  Herrn  Abgeordneten  Sattler
hat  diesem  Vorwurf  erst  kürzlich  in  einem  anderen  hohen  Hause  Ausdruck
  gegeben  —,  daß  wir  durch  den  Ausbruch  des  Krieges  überrascht
worden  wären.  Ich  habe  sogar  gelesen,  daß  wir  durch  einen  übertriebenen
  Optimismus  andere  in  unbegründete  Sicherheit  gewiegt  hätten.
Ich  könnte  darauf  erwidern,  daß  die  leitenden  Minister  in  London,
Paris  und  Petersburg  und  selbst  die  japanischen  Vertreter  in  Paris
und  Petersburg  durch  den  Ausbruch  des  Krieges  tatsächlich  überrascht
worden  zu  sein  scheinen.  Ich  könnte  auch  betonen,  daß  selbst  diejenigen
nichtjapanischen  Staatsmänner,  die  der  Ansicht  waren,  daß  der  stark
geheizte  japanische  Kessel  bald  Dampf  geben  würde,  nicht  vorausgesehen
haben,  daß  die  Regierung  in  Tokio  für  den  Abbruch  der  diplomatischen
Beziehungen  gerade  den  Augenblick  wählen  würde,  den  sie  sich  tatsächlich
  ausgesucht  hat.  Ich  will  aber  einfach  darauf  hinweisen,  daß  in
solchen  kritischen  Augenblicken  die  Regierung  die  großen  auswärtigen
Interessen  des  Landes  wahrzunehmen  hat,  und  daß  sie  vor  allem  dafür
zu  sorgen  hat,  daß  bei  aufziehendem  Sturm  das  Schiff  des  Landes  nicht
auf  Klippen  und  Untiefen  gerät.  Wenn  wir  vor  dem  Ausbruch  des
Krieges  eine  pessimistische  Sprache  geführt  hätten,  pessimistischer  als  sie
anderswo  geführt  wurde,  so  hätte  uns  das  in  St.  Petersburg  in  das
Licht  der  Kriegstreiberei  bringen  und  dort  Mißtrauen  erregen  könnnen.
Andererseits  hatten  wir  kein  Recht,  der  japanischen  Regierung  kriegerische
Absichten  nachzusagen,  solange  Japan  nicht  selbst  den  Krieg  erklärt  hatte.
Wir  mußten  also  ebenso  ruhig  bleiben,  wie  die  anderen  Zentren  der
europäischen  Politik,  vielleicht  sogar  noch  etwas  ruhiger,  da  wir  weniger
interessiert  waren  als  andere.

Da  ich  einmal  auf  dieses  Thema  eingegangen  bin,  möchte  ich  mich
noch  gegen  eine  andere  Anklage  wenden,  die  wegen  des  ostasiatischen
Krieges  gegen  uns  erhoben  worden  ist.  Man  hat  uns  einen  Vorwurf
daraus  gemacht,  daß  wir  uns  für  die  Neutralisierung  von  China
interessiert  haben.  Unsere  Haltung  ging  aber  auch  in  dieser  Beziehung