76  10.  China.  —  Kirchenpolitik.

aus  klaren  und  einwandsfreien  Motiven  hervor.  Es  lag  und  es  liegt  wohl
im  Interesse  aller  Mächte  und  jedenfalls  im  Interesse  der  dentschen
Politik,  daß  sich  aus  dem  Krieg  in  Ostasien  nicht  ein  Weltkrieg  entwickle.
Zur  Erreichung  dieses  Zieles  trägt  es  wesentlich  bei,  wenn  das  große
chinesische  Reich  vom  Kriege  ausgenommen  wird.  Die  Neutralisierung
von  China  war  auch  ein  geeignetes  Mittel  zur  Beruhigung  des  chinesischen
  Hofes  und  der  chinesischen  Regierung.  Die  Furcht,  in  den  Krieg
hineingezogen  werden  zu.  können,  hätte  den  chinesischen  Hof  veranlassen
können,  Peking  zu  verlassen,  was  wiederum  die  Sicherheit  der  in  China
lebenden  Europäer  bedroht  haben  würde.  Durch  unser  Eintreten  für
die  Neutralisierung  von  China  —  das  außerdem  der  beste  Beweis  war
gegen  die  vielfach  über  uns  verbreitete  Verleumdung,  wir  wollten  den
Krieg  benutzen,  um  uns  Stücke  von  China  anzueignen  —  glauben  wir
dem  allgemeinen  europäischen.  Frieden  und  speziell  auch  unseren  Interessen
  am  besten  gedient  zu  haben.

Was  die  Ausführungen  des  Herrn  Dr.  Sattler  über  kirchenpolitische
  Fragen  angeht,  so  will  ich  gern  anerkennen,  daß  sich  Herr
Dr.  Sattler  in  dieser  Beziehung  sehr  vorsichtig  ansgedrückt  hat.  Ich
will  ihm  auch  zugeben,  daß  ich  den  ersten  Teil  seiner  Ausführungen
über  die  Notwendigkeit  des  konfessionellen  Friedens  fast  Wort
für  Wort  unterschreiben  kann.  Die  Geschichte  lehrt  uns  —  gerade
Herr  Dr.  Sattler  als  Historiker  wird  mir  das  bestätigen  —,  daß  kein
Volk  unter  konfessionellem  Hader  mehr  gelitten  hat  als  das  deutsche
Volk.  Bei  keinem  Volke  hat  sich  so  sehr  konfessioneller  Hader  als  der
gefährlichste  und  schädlichste  Streit  herausgestellt.  Kein  Volk  hat  so
viel  Anlaß  wie  wir,  konfessionellen  Streit  zu  vermeiden.  Wer  auch  an
dieser  Stelle  stehen  möge,  er  wird,  wenn  er  anders  das  Wohl  des
Ganzen  über  Parteirücksichten,  über  subjektive  Empfindungen  und  über
populäre  Strömungen  stellt,  in  erster  Linie  bemüht  sein  müssen,  durch
eine  Politik,  die  sich  über  dem  Hader  der  Konfessionen  hält,  den  konfessionellen
  Frieden  und  damit  die  Geschlossenheit  der  Nation  aufrecht
zu  erhalten.

Daß  der  Herr  Abgeordnete  Dr.  Sattler  theoretisch  die  Notwendigkeit
des  Friedens  unter  den  Konfessionen  betonte,  hat  ihn  freilich  nicht  verhindert,
  eine  Reihe  von  Angriffen  gegen  das  kirchenpolitische  Verhalten
der  Reichsregierung  und  der  Königlich  preußischen  Staatsregierung  zu
richten.  Der  Herr  Abgeordnete  Dr.  Sattler  hat  wieder  von  Zugeständnissen
  der  Regierung  gesprochen.  Ich  kann  nur  mein  Bedauern  darüber
ausdrücken,  daß  er  sich  in  dieser  Beziehung  auch  wieder  mehr  in