April  1904.  83

mit  der  strikten  und  loyalen  Neutralität,  welche  die  Regierung  beobachtet,
weil  sie  den  Interessen  des  Landes  entspricht.  Und  bei  dieser  Gelegen—
heit  muß  ich  wieder  darauf  aufmerksam  machen,  wie  häufig  es  ist,  daß
gerade  die  deutsche  Sozialdemokratie  in  auswärtigen  Fragen  eine  un—
kluge  und  eine  unpatriotische  Haltung  einnimmt  im  Gegensatz  zu  ihren
ausländischen  Gesinnungsgenossen.

(Sehr  richtig!  rechts.)
Während  bei  uns  die  sozialdemokratische  Presse  in  allen  Tonarten  gegen
Rußland  tobt,  hält  sich  die  französische  Sozialdemokratie  viel  reservierter
und  sehr  viel  vorsichtiger.  Als  vor  einigen  Tagen  der  französische
Ministerpräsident  Herr  Combes  einem  Bankett  beiwohnte,  das  ihm
französische  Radikale  und  Sozialisten  in  Laon  gaben,  wurde  seine  Bemerkung,
  daß  Frankreich  Rußland  treu  bleibe,  von  den  anwesenden
Radikalen  und  Sozialisten  mit  Beifall  und  Jubel  aufgenommen.

(Hörtl  hört!  rechts.)

Nun  hat  der  Herr  Abgeordnete  Bebel  weiter  gemeint,  wir  machten
uns  einer  Verletzung  der  Neutralität  schuldig,  und  zwar  in  zweierlei
Weise.  Einmal  durch  unser  Eintreten  für  die  Neutralisierung  von
China.  Wenn  er  bei  dieser  Gelegenheit  von  einer  Vergewaltigung  von
China  gesprochen  hat,  so  habe  ich  noch  niemals  gehört,  daß  jemand
vergewaltigt  wird,  der  etwas  wünscht.  Die  Neutralisierung  von  China
entsprach  den  Neigungen  des  chinesischen  Hofes  und  der  chinesischen
Regierung.  Und  noch  weniger  lag  in  dieser  Neutralisierung  eine  Verletzung
  von  Japan;  denn  die  japanische  Regierung  hat  sich  beeilt,  freiwillig
  dem  Beschluß  der  Mächte  über  die  Neutralisierung  von  China
beizutreten.  Ich  möchte  also  in  dieser  Richtung  den  Herrn  Abgeordneten
Bebel  bitten,  nun  nicht  wieder  japanischer  zu  werden  als  die  Japaner.

(Heiterkeit.)

Der  Herr  Abgeordnete  Bebel  hat  dann  von  dem  Verkauf
deutscher  Schiffe  an  ausländische  Firmen  gesprochen.  Meine  Herren,
nach  der  bisherigen  völkerrechtlichen  Praxis  sind  derartige  Verkäufe  inländischer
  Schiffe  an  ausländische  Firmen  zulässig.  Mindestens  ist  die
Frage,  ob  sie  unstatthaft,  eine  sehr  zweifelhafte.  Ich  bin  auch  da
wieder  in  der  glücklichen  Lage,  mich  auf  eine  Stimme  aus  Ihren
Reihen  berufen  zu  können,  nämlich  auf  den  „Vorwärts“,  der  doch  wohl
noch  bis  zu  einem  gewissen  Grade  sozialdemokratisch-offiziös,  Bebeloffiziös
  sein  wird.  Also  der  „Vorwärts“  schreibt:

Die  Beurteilung  der  Verkäufe  unter  dem  Gesichtspunkt  der  Neutralität
  ist  nicht  ganz  zweifellos.  Der  moderne  Grundsatz  der

(is