April  1904.  93

Dann  nehme  ich  das  sofort  und  gern  zurück!

(Heiterkeit.)
Was  habe  ich  denn  in  Wirklichkeit  gesagt?  Ich  habe  an  ein  verehrtes
Mitglied  dieses  Hauses,  an  den  Herrn  Abgeordneten  Sattler  die  Frage
gerichtet,  ob  er  glaube,  daß  es  möglich  wäre,  daß  ich  die  Geschäfte  des
Reichs  in  verfassungsmäßiger  und  ersprießlicher  Weise  führe  ohne  jede
Rücksicht  auf  die  stärkste  Partei  in  diesem  Hohen  Hause.  Das  habe
ich  gesagt.  Ich  habe  mich  ebensowenig  dem  Zentrum  mit  Haut  und
Haar  verschrieben,  als  der  Herr  Abgeordnete  Spahn  gestern  gesagt  hat,
das  Zentrum  wäre  eine  Regierungspartei  sans  phrase  geworden.  Es
gibt  eine  Reihe  von  Fällen,  wo  ich  anderer  Ansicht  bin  als  die  Herren
vom  Zentrum;  es  gibt  aber  auch  Fälle,  wo  ich  glaube  mit  den  Herren
vom  Zentrum  zusammen  gehen  zu  können.  So  geht  es  mir  aber  mit
allen  Parteien,  die  in  diesem  Hohen  Hause  auf  dem  Boden  der  Verfassung
  stehen.  Der  Herr  Abgeordnete  Spahn  hat  uns  gestern  mit
einem  Seitenblick  auf  den  Herrn  Abgeordneten  Sattler  gesagt,  daß  ich
ihm  zu  viel  mit  den  Nationalliberalen  kokettierte.  Umgekehrt  wird  mir
von  dem  Herrn  Abgeordneten  Sattler  Flirt  mit  dem  Zentrum  vorgeworfen.


(Heiterkeit  links.)

So  machen  liebenswürdige,  junge  Damen  dem  Leutnant,  der  nicht
allein  mit  ihnen  tanzen  will,  mit  reizendem  Schmollen  den  Vorwurf,
er  hätte  nur  Augen  für  die  anderen.

(Heiterkeit.)
Ich  habe  hier  mehr  als  einmal  auseinandergesetzt,  daß  ich  nicht  allein
mit  einer  Partei  gehen  kann.  Ich  habe  aber  auch  gesagt,  daß  ich  es
für  meine  Pflicht  erachte,  die  staatserhaltenden  Kräfte,  die  in  jeder  Partei
vorhanden  sind,  für  das  Wohl  des  Ganzen  zu  verwerten,  und  ich  unterschreibe
  durchaus  das,  was  gestern  der  Herr  Abgeordnete  von  Kardorff
gesagt  hat  über  die  dankenswerte  Mitarbeit  des  Zentrums  an  großen
nationalen  Fragen.

Der  Herr  Abgeordnete  von  Heydebrand  und  der  Herr  Abgeordnete
Gothein  haben  gemeint,  wenn  man  sich  auch  befreunde  mit  der  Aufhebung
  des  §  2,  so  wäre  doch  die  Art  und  Weise  anstößig,  wie  der
Paragraph  aufgehoben  worden  wäre.  Ich  könnte  mit  der  Gegenfrage
antworten,  welcher  Artikel  der  Verfassung,  welche  verfassungsmäßige
Bestimmung  durch  mein  Vorgehen  verletzt  worden  ist.  Mein  Verfahren
würde  doch  nur  dann  im  Widerspruch  stehen,  ich  sage,  nicht  mit  dem
Buchstaben,  aber  auch  selbst  mit  dem  Geist  der  Reichsverfassung,  wenn