96  12.  Dank  oder  Undank.

Darauf  erwiderte
Reichskanzler  Graf  von  Bülow:

Meine  Herren,  der  Abgeordnete  Schrader  hat  soeben  gesagt,  daß
ich  beim  Zentrum  wie  bei  den  Agrariern  Undank  erntete.  Darauf  er—
widere  ich,  daß  ich  meine  Politik  unmöglich  zuschneiden  kann  auf  Dank
oder  Undank  —  daß  Undankbarkeit  in  der  menschlichen  Natur  liegt,
ist  auch  mir  bekannt  —,  sondern  ich  kann  lediglich  das  tun,  was  nach
meiner  Ansicht  das  Interesse  des  Landes  erfordert.

Ich  bedauere,  daß  ich  nicht  selbst  den  Ausführungen  des  Herrn
Abgeordneten  von  Oldenburg  beigewohnt  habe,  die,  wie  ich  höre,  ihre
persönliche  Spitze  gegen  mich  richteten.  Wenn  aber  der  Herr  Abgeordnete
  Schrader  diese  persönlichen  Wendungen  eben,  ich  möchte
sagen,  so  liebevoll  unterstrichen  hat

(Heiterkeit),

so  gefiel  er  sich  dabei  doch  wohl  etwas  in  der  Rolle  des  tertius  gaudens.
  von  dem  in  diesen  Tagen  viel  die  Rede  war.

Die  Ausführungen  des  Herrn  von  Oldenburg  sind  mir  nach  drei
Gesichtspunkten  resümiert  worden.  Herr  von  Oldenburg  hat  es  als  eine
Legende  bezeichnet,  daß  ich  etwas  für  die  Landwirtschaft  getan  hätte.
Er  wünscht  Taten  von  mir.  Ohne  meine  beharrlichen  Bemühungen
würde  der  Zolltarif  schon  in  den  Vorstadien  stecken  geblieben  sein,
würde  er  schon  bei  den  Vorarbeiten  gescheitert  und  überhaupt  nicht  zustande
  gekommen  sein.  Wäre  der  Zolltarif  nicht  mehr  gewesen  als  ein
Versprechen  in  schönen  Worten,  so  hätte  ich  mir  nicht  solche  Mühe
darum  gegeben.  Ich  halte  die  Vorlage  des  Zolltarifs  für  eine  der
Landwirtschaft  und  dem  Lande  nützliche  Tat.  Oder  glauben  Sie,  daß
es  sich  bei  den  mühseligen  Unterhandlungen,  die  wir  jetzt  auf  Grund
dieses  Tarifs  führen,  nur  um  schöne  Redensarten  handelt?  Auf  Grund
dieses  Zolltarifs  hoffen  wir  zu  Handelsverträgen  zu  kommen,  denen  die
Mehrheit  dieses  hohen  Hauses  wird  zustimmen  können.  Und  wenn  wir
auf  dieser  Basis  des  Zolltarifs  Haudelsverträge  zustande  bringen,  so
würde  ich  das  für  eine  weitere  nützliche  Tat  halten.

Ich  möchte  übrigens  hierbei  bemerken,  daß  der  Begriff  der  Tat
ein  relativer  ist.  Mancher  hält  für  eine  Tat,  was  sich  bei  näherem
Zusehen  und  in  seiner  weiteren  praktischen  Entwicklung  als  eine  Untat
für  das  Land  und  die  Landwirtschaft  herausstellt.

Der  Herr  Abgeordnete  von  Oldenburg  hat  mir  auch  einen  Vorwurf
daraus  gemacht,  daß  ich  mich  gegen  den  Pessimismus  gewandt  hätte.