Mai  190|1.  97

Wennn  ich  so  pessimistisch  wäre,  wie  sich  der  Herr  Abgeordnete  von  Oldenburg
  über  die  Lage  ausgesprochen  zu  haben  scheint,  täte  ich  besser,  mein
Amt  noch  heute  niederzulegen.  Mit  einem  nervösen  Reichskanzler  würde
dem  Reiche  in  den  gegenwärtigen  Zeitläuften  wirklich  nicht  gedient  sein.
Ich  glaube  aber,  daß  sich  bei  aller  Schwarzseherei  der  Herr  Abgeordnete
von  Oldenburg  die  praktische  Leitung  der  Geschäfte  leichter  denkt,  als  sie
in  Wirklichkeit  ist.  So  liegen  die  Diuge  nicht,  daß  der  Reichskanzler
bloß  auf  den  Knopf  zu  drücken  braucht,  und  der  gedeckte  Tisch  für  die
Landwirtschaft  steht  da!
(Heiterkeit.)

Ich  habe  bei  meinen  Bemühungen  für  die  Landwirtschaft  Schwierigkeiten
zu  überwinden,  die  jeder  mit  Händen  greifen  kann,  der  nicht  mit  vorgefaßter
  Meinung  die  Dinge  beurteilt.  In  diesen  meinen  Bemühungen
sollten  mich  die  Freunde  der  Landwirtschaft  unterstützen,  statt  auf  mich
zu  schießen.

Endlich  hat  der  Herr  Abgeordnete  von  Oldenburg  gemeint,  daß  sich
die  Schüler  des  Fürsten  Bismarck  nicht  mit  dem  Meister  vergleichen
könnten.  Das  ist  eine  der  richtigsten  Bemerkungen,  die  ich  je  in  meinem
Leben  gehört  habe.  Sich  mit  dem  Fürsten  Bismarck  zu  vergleichen,  wäre
nicht  nur  für  jeden  Schüler  desselben,  sondern  für  jeden  lebenden  Politiker
einfach  geschmacklos.  Wenn  sich  aber  niemand  unterfangen  wird,  einen
Staatsmann  ersetzen  zu  wollen,  wie  er  einem  Volke  in  Jahrhunderten
einmal  geschenkt  wird,  so  soll  sich  doch  jeder  bemühen,  von  ihm  zu
lernen.  Eine  Hauptregel,  die  uns  Fürst  Bismarck  hinterlassen  hat,  ist
die,  daß  man  nicht  unerfüllbare  Forderungen  aufstellen  und  über  dem
Wünschenswerten  das  Erreichbare  gefährden  soll.

(Lebhafter  Beifall.)

13.  Auswärtige  Politik  und  Schutzgebiete.
Sitzung  des  Reichstages  vom  9.  Mai  1904.1)

Bei  der  dritten  Beratung  des  Reichshaushaltsetats  für  das  Rechnungsjahr
1904  und  des  Haushaltsetats  für  die  Schutzgebiete  auf  das  Rechnungsjahr  1904
hatte  in  der  Generaldiskussion  der  Abgeordnete  Bebel  in  längerer  Rede  gezeigt,
wie  sich  in  seinem  Geiste  die  auswärtige  Politik  des  Reiches  und  die  Zustände
in  den  deutschen  Schutzgebieten  spiegeln.

1)  Sten.  Ber.  d.  R.-T.,  11.  Leg.-Per.,  I.  Session  1903/04,  87.  Sitzung.
Penzler,  Fürst  Bülows  Reden  2c.  II.  7