Mai  1901.  103

näheren  politischen  Freunde  des  Herrn  Grafen  von  Mirbach  wesentlich
beigetragen  haben.
(Sehr  richtig!  links.)

Wenn  also  die  Reichsverdrossenheit,  die,  wie  Herr  Graf  von  Mirbach
richtig  hervorgehoben  hat,  einer  der  Herren  Bundesratsbevollmächtigten  in
hypothetischer  Form  in  Aussicht  gestellt  hat,  wenn  diese  Reichsverdrossenheit
  wirklich  eintreten  sollte,  so  würden  für  diesen  Teil  der  Reichsverdrossenheit
  die  politischen  Freunde  des  Herrn  Grafen  von  Mirbach
zweifellos  mit  die  Verantwortung  tragen.

(Sehr  richtig!  und  Heiterkeit  links.)
Ich  würde  dem  Herrn  Grafen  von  Mirbach  wahrhaft  dankbar  sein,  wenn
er  seinen  großen,  den  zu  meiner  Freude  großen  und  berechtigten  Einfluß,
welchen  er  auf  seine  politischen  Freunde  hat,  dazu  benutzen  wollte,  um
sie  dazu  zu  bewegen,  daß  sie  den  in  Rede  stehenden  Beschluß  des  Reichstages
  beseitigen  oder  wenigstens  modifizieren,  einen  Beschluß,  den  auch
ich  aus  sachlichen  und  politischen  Gründen  beklage.

Wenn  aber  die  beiden  Herren  Vorredner  )  weiter  von  allgemeiner
Unzufriedenheit  gesprochen  haben,  so  möchte  ich  mir  die  Gegenfrage
erlauben,  wann  wir  seit  vierzehn  Jahren  eine  Zeit  gehabt  haben,  wo
bei  uns  Zufriedenheit  geherrscht  hätte.  Als  ich  —  es  sind  bald  sieben
Jahre  her  —  von  Rom  nach  Berlin  kam,  wohnte  ich  der  Etatsdebatte
im  Reichstage  bei,  der  ersten  in  meinem  Leben.  Herr  Graf  von  Mirbach,
der  damals  dem  Reichstage  noch  angehörte,  was  zu  meinem  Bedauern
nicht  mehr  der  Fall  ist  —  ich  wünschte,  er  wäre  noch  Mitglied  desselben  —,
Graf  Mirbach  wird  sich  mit  mir  entsinnen,  daß  sich  durch  die  damalige
Etatsdebatte  wie  ein  roter  Faden  die  allgemeine  Klage  über  die  Reichsverdrossenheit
  zog.  Ich  höre  noch  die  Redner  der  verschiedenen  Parteien,
  wie  sie  in  beredten  Worten  darlegten,  daß  die  Reichsverdrossenheit
niemals  so  allgemein,  so  intensiv  gewesen  sei.  Das  war  im  Jahre  1897.
Und  selbst  in  den  Tagen  des  Fürsten  Bismarck,  eines  Staatsmannes,
wie  er  einem  Volke  in  Jahrhunderten  nur  einmal  geschenkt  wird,  war
auch  nicht  alle  Welt  zufrieden,  weder  auf  der  Linken  noch  sogar  auf
der  Rechten.

(Heiterkeit.)

Es  muß  an  zwanzig  Jahre  her  sein,  da  las  ich  bei  einem  Schriftsteller,
  der  einen  eigenartigen  Geist  besaß,  aber  viel  eigenen  Geist,  bei
Lagarde:  „Die  Unzufriedenheit“  —  ich  zitiere  aus  dem  Gedächtnis  —

2)  Freiherr  von  Mantenffel  und  Graf  von  Mirbach.