104  14.  Unzufriedenheit.  —  Sozialdemokratie.

„die  Unzufriedenheit  ist  allgemein,  die  Luft  drückt.  Bald  wird  der
Staub  wirbeln  und  das  Gewitter  losbrechen,  und  dann  erst  kann  der
ruhig  strömende  Regen  kommen,  der  Wälder  und  Herzen  erquicken  soll.“
Und  ich  entsinne  mich,  daß  in  einer  seiner  bedeutsamsten  Reden  —  es
muß  im  Jahre  1878  oder  1879  gewesen  sein  —  Fürst  Bismarck  die
Frage  aufwarf:  Haben  Sie  jemals  einen  zufriedenen  Deutschen  gesehen?
(Heiterkeit.)

Die  Neigung  —  führte  Fürst  Bismarck  aus  —  die  Neigung  zur  Unzufriedenheit
  sei  in  den  deutschen  Landen  so  allgemein,  daß  er  nicht
wisse,  ob  jemand  einen  zufriedenen  Deutschen  kenne.  3)

Meine  Herren,  diese  allgemeine  Neigung  zur  Unzufriedenheit,  zur
Verdrossenheit,  zur  Kritik,  ist  ja  einer  der  Gründe,  aus  denen  die  Sozialdemokratie
  für  ihre  destruktiven  und  utopischen  Tendenzen  gerade  in
Deutschland  einen  so  fruchtbaren  Boden  findet.  Es  ist  natürlich,  wenn
die  Unzufriedenen  ihre  Stimme  gerade  derjenigen  Partei  zuwenden,  die
am  schärfsten  kritisiert,  die  sich  am  besten  auf  das  Räsonnieren  versteht,
die  trotz  mancher  löblicher  Anstrengungen  von  anderen  Seiten  doch  noch
alle  anderen  im  Herunterreißen  übertrifft.

(Heiterkeit.)

Eins  aber  möchte  ich  ganz  offen  aussprechen  —  und  möchte  es
gerade  aussprechen  gegenüber  dem  Herrn  Grafen  von  Mirbach  und
Herrn  Freiherrn  von  Manteuffel,  die  beide  trotz  dieser  oder  jener  sachlichen
  Divergenz  mir  mit  einem  Wohlwollen  begegnet  sind,  für  das  ich
aufrichtig  dankbar  bin  —:  ich  möchte  darauf  hinweisen,  daß  die  Unzufriedenheit
  der  sozialdemokratischen  Partei  nicht  so  viele  Mitläufer
zuführen  würde,  wenn  nicht  auch  von  Kreisen  und  Personen  und  publizistischen
  Organen,  welche  behaupten,  auf  monarchischem  Boden  zu
stehen  und  sich  sogar  besonders  nationaler  Gesinnung  rühmen,  gegenüber
der  Regierung  und  sogar  gegenüber  einer  Stelle,  die  außerhalb  der-  Diskussion
  bleiben  sollte,  vielfach  eine  Sprache  geführt  würde,  die  wesentlich
dazu  beitragen  muß  und  dazu  beigetragen  hat,  Tausende  in  das  sozialdemokratische
  Lager  zu  treiben.

«  (Sehr  richtig!)
Insbesondere  auf  dem  Gebiete  der  auswärtigen  Politik  ist  in  den  letzten
Jahren  kaum  etwas  geschehen,  ohne  daß  das  von  dieser  Seite  als

3)  In  der  Rede  vom  9.  Oktober  1878:  „Der  Deutsche  hat  an  und  für  sich
eine  starke  Neigung  zur  Unzufriedenheit.  Ich  weiß  nicht,  wer  von  uns  einen  zufriedeuen
  Landsmann  kennt.“