Mai  1904.  105

Schwäche,  als  Ungeschicklichkeit,  als  Mangel  an  Patriotismus,  geradezu
als  Landesverrat  hingestellt  worden  wäre.  Der  unglückliche  Leser,  der
nur  solche  Blätter  liest,  muß  sich  geradezu  einbilden,  daß  seine  Regierung
an  diese  oder  jene  fremde  Macht  oder  gar  an  den  Jesuitenorden  verkauft
  wäre.
(Heiterkeit.)

Gerade  in  den  letzten  Wochen  habe  ich  mehr  wie  einmal  in  einer  gewissen
Presse  gelesen,  daß  die  Regierung  die  Würde  und  Ehre  des  Landes
preisgegeben  hätte,  lediglich  weil  die  Regierung  die  Ehre  und  Würde
des  Landes  nicht  in  chauvinistischen  Radomontaden  und  törichten  Hetzereien
sucht.  Die  Früchte  solcher  Verhetzungen  hat  vielfach  die  Sozialdemokratie
geerntet,  die  ja,  wie  einer  ihrer  Führer  mit  Recht  gesagt  hat,  lebt  von
den  Fehlern  ihrer  Gegner.  Von  Fehlern  auf  allen  Seiten!

(Zwischenruf.)
Gewiß,  meine  Herren,  von  Fehlern  auf  allen  Seiten.  Intra  muros
peccatur  et  extra.  Bemühen  wir  uns  alle,  ein  Verhalten  und  Vorgehen
  zu  vermeiden,  das  der  Sozialdemokratie  zugute  kommt;  bemühen
wir  uns,  gemeinsam  die  Quellen  der  Unzufriedenheit  tunlichst  zu  verstopfen;
  hacken  wir  möglichst  selten  einer  auf  den  andern,  und  es  werden
auch  künftig  weniger  Bosheitsstimmzettel  in  das  sozialdemokratische
Sammelbecken  der  Unzufriedenheit  fallen.

(Sehr  richtig!)

Meine  Herren,  die  beiden  Herren  Vorredner  haben  sich  auch  mit
der  Haltung  der  Regierung  gegenüber  der  Sozialdemokratie  beschäftigt,
Herr  Freiherr  von  Manteuffel  im  Namen  seiner  Partei,  Herr  Graf
von  Mirbach  pro  domo  sua.  Beide  ließen  durchblicken,  daß  ich  es
gegenüber  der  Sozialdemokratie  bei  Worten  bewenden  lasse.  Daß  Reden
keine  Taten  sind,  weiß  ich  sehr  wohl.  Ich  glaube  aber  doch,  daß  eine
Rede  unter  Umständen  nützlicher  sein  kann  als  eine  übereilte  Tat  oder
als  ein  verfehlter  Anlauf  zu  einer  Tat,  wie  wir  deren  auch  schon  erlebt
  haben.

(Sehr  richtig!)

Ich  habe  im  Dezember  im  Reichstage  eingehend  ausgeführt,  daß
und  warum  ich  eine  Aktion  für  einen  Fehler  halte,  welche  die  bürgerlichen
  Parteien  spalten  würde.  Auch  Freiherr  von  Manteuffel  wird
nicht  bestreiten,  daß  ein  gesetzgeberisches  Vorgehen  in  der  von  ihm
gewünschten  Art  nur  möglich  wäre  unter  heftigen  Kämpfen  innerhalb
der  bürgerlichen  Parteien  und  zwischen  einem  großen  Teil  der  bürger-