106  14.  Konfessioneller  Friede.  —  Parlamentarische  Verhältnisse.

lichen  Parteien  und  der  Regierung.  Da  gestatte  ich  mir  die  Frage,
ob  es  klug  sein  würde,  jetzt  in  dieser  Weise  eine  Spaltung  unter  die
bürgerlichen  Parteien  zu  tragen.  Ich  würde  es  für  einen  Fehler  halten,
wenn  die  Regierung  so  operierte,  daß  sie  vielleicht  für  lange  Zeit  eine
Sammlung  der  staatserhaltenden  Elemente  verhindern  würde.  Nun  hat
ja  Graf  von  Mirbach  soeben  gemeint,  daß  die  Einigung  der  bürgerlichen
  Parteien  ein  schöner  Traum  wäre.  Meine  Herren,  ich  weiß  wohl,
daß  die  Neigung  zur  itio  in  partes  tief  im  deutschen  Charakter  wurzelt,
wie  das  Herr  Graf  von  Mirbach  soeben  ausgeführt  hat,  diese  Neigung
zu  häuslichem  Hader,  die  den  Stammeskämpfen  des  Mittelalters  zugrunde
  lag,  später  den  Kämpfen  unter  den  einzelnen  Partikularstaaten,
und  die  jetzt  die  Quelle  ist,  aus  der  die  Lust  zu  Parteikämpfen  fließt.
Aber  sollen  wir  deshalb  das  Streben  nach  Einigung  und  den  Wunsch
der  Einigung  aufgeben?  Ich  betrachte  es  jedenfalls  als  meine  Pflicht,
zu  tun,  was  in  meinen  Kräften  steht,  um  die  bürgerlichen  Parteien  zu
einigen.  Ich  betrachte  es  als  meine  Pflicht,  zu  tun,  was  ich  vermag,
um  die  Steine  aus  dem  Wege  zu  räumen,  die  einem  Zusammengehen
der  staatserhaltenden  Parteien  im  Wege  stehen.  Das  ist  auch  einer  der
Hauptgründe,  aus  denen  ich  die  konfessionellen  Hetzereien  verurteile.
(Bravol)

Ich  will  in  vorgerückter  Stunde  nicht  auf  den  Gegenstand  zurückkommen,
  der  den  ersten  Teil  der  heutigen  Sitzung  ausgefüllt  hat.  Nur
das  will  ich  sagen:  es  ist  falsch,  wenn  behauptet  wird,  daß  nur  die
Indifferenten  und  Lauen,  daß  nur  die  Laodicäer!)  den  konfessionellen
Frieden  wünschten.  Wir  alle  brauchen  gerade  diesen  Frieden,  wir
brauchen  ihn  gerade  in  unserer  Zeit.  Wir  müssen  den  konfessionellen
Frieden  wahren,  und  wir  werden  ihn  aufrechterhalten,  wenn  nur  von
beiden  Seiten  vermieden  wird,  Gehässigkeit  in  die  nun  einmal  durch
Gottes  Vorsehung  und  den  Gang  der  Geschichte  bestehenden  konfessionellen
Gegensätze  hineinzutragen.  Daß  es  sehr  wohl  möglich  ist,  ernste  konfessionelle
Fragen  in  ruhiger  Weise  zu  behandeln,  hat  die  heutige  Sitzung  bewiesen.

(Sehr  richtig!)

Ich  glaube  weiter,  daß  auch  auf  allen  anderen  Gebieten  auf  möglichste
  Solidarität  der  bürgerlichen  Parteien  hingearbeitet  werden  muß.
Sowohl  der  Herr  Freiherr  von  Manteuffel  als  der  Herr  Graf  von
Mirbach  haben  den  Wahlkampf  berührt,  der  jetzt  in  dem  Wahlkreise
Frankfurt-Lebus  ausgefochten  wird.  Beide  haben  aber  nicht  erwähnt,

H  Vgl.  Offenb.  Joh.  3,  11—16.