108  14.  Sozialreform.  —  Wahlsystem.  —  Handelsverträge.

Monarchie  werden  wir  zu  verteidigen  wissen.  Wer  die  antastet,  wird
sich  blutige  Köpfe  holen.  Ich  würde  mich  aber  nicht  für  würdig  halten,
an  der  Stelle  zu  stehen,  an  der  ich  stehe,  wenn  ich  von  vornherein  auf
die  Möglichkeit  verzichten  wollte,  die  tiefgehenden  Gegensätze,  die  durch
unser  Volk  gehen,  durch  Gerechtigkeit,  Geduld  und  Besonnenheit  auf
friedlichem  Wege  auszugleichen.

(Bravol)

Graf  Mirbach  hat  soeben  gesagt,  daß  unsere  sozialen  Reformen
nur  Undankbare  geschaffen  hätten.  Das  darf  uns  nach  meiner  Ansicht
nicht  irre  machen.  Einmal  deshalb  nicht,  weil  in  einem  monarchischen
Staate  die  Regierung  das  tun  muß,  was  vor  Gott  und  vor  ihrem
Gewissen  ihr  richtig  und  gerecht  erscheint.

(Bravol)

Es  darf  uns  aber  auch  nicht  irre  machen,  weil  nach  meiner  Über—
zeugung  die  Weiterführung  der  sozialen  Reform  auch  politisch  ihre
Früchte  tragen  wird.  Und  indem  wir  unsere  Sozialreform  fortführen,
die  ein  Vorbild  geworden  ist  für  alle  anderen  zivilisierten  Länder,  so
wahren  wir  uns  erst  recht  das  Recht,  zu  besonderen  Maßnahmen  gegen
die  Sozialdemokratie  überzugehen,  sobald  diese  uns  durch  ihr  Verhalten
dazu  zwingt.

(Bravo!)

Meine  Herren,  die  Schuld  liegt  auch  nicht  am  Wahlsystem.
Vom  Wahlsystem  gilt  ungefähr  das,  was  der  alte  Klausner  bei  Shakespeare
  —  ich  weiß  nicht,  wo  es  ist,  ich  glaube  in  Romeo  und  Julia  —
von  den  Pflanzen  und  Kräutern  seines  Gartens  sagt,  nämlich  daß  keine
Pflanze  so  schlecht  wäre,  daß  sie  nicht  auch  Gutes  stiften  könnte,  und
keine  so  gut,  daß  man  nicht  auch  mit  ihr  Mißbrauch  treiben  könnte.
Kein  Wahlsystem  ist  an  und  für  sich  ganz  gut  oder  ganz  schlecht.  Es
wird  gut  oder  schlecht  durch  den  Gebrauch.  Wenn  die  deutschen  Wähler
von  dem  bestehenden  Wahlsystem  keinen  richtigen  Gebrauch  zu  machen
wissen,  so  werden  sie  sich  auch  nicht  wundern  können,  wenn  früher  oder
später  das  Dilemma  entsteht,  ob  der  Zukunftsstaat  mit  seiner  Zuchthausordnung
  und  seiner  Güterteilung  etabliert,  oder  ob  das  bestehende  Wahlrecht
  durch  ein  anderes  ersetzt  werden  soll.

Es  ist  ferner  meine  Stellung  zu  wirtschaftlichen  Fragen  berührt
worden  und  insbesondere  die  schwerwiegende  Frage  der  Handelsverträge.
  Herr  Freiherr  von  Manteuffel  hat  hervorgehoben,  Landwirtschaft,
Industrie  und  Handel  müßten  zusammengehen.  Schon  daraus  folgt,