Dezember  1904.  123

Zeit  unter  dem  Unkrant  bemerkbar  machten,  also  besonders  die  Behauptung,
  wir  hätten  uns  in  die  Tibet-Angelegenheit  eingemischt,  was  eine
Lüge  war,  und  die  Behauptung,  wir  hätten  den  Huller  Zwischenfall
durch  perfide  Ausstreuungen  herbeigeführt,  was  eine  zweite  Lüge  war.
Also  ich  habe  mich  bemüht,  diese  bösartigen  Erfindungen  aus  der  Welt
zu  schaffen.  Sie  dienen,  meine  Herren,  wie  Sie  wissen,  derjenigen
publizistischen  Kampagne,  die  nicht  erst  seit  gestern  sich  bemüht,  die
friedlichen  Beziehungen  zwischen  Deutschland  und  England  zu  stören.
Sie  werden  nicht  von  mir  verlangen,  daß  ich  auf  alle  hetzerischen
Erzengnisse  dieser  publizistischen  Kampagne  eingehe.  Wenn  aber,  meine
Herren,  solche  Hetzer  zur  Basis  ihrer  Angriffe  und  Verdächtigungen
die  Annahme  machen,  als  wenn  wir  mit  unserer  Flottenpolitik  aggressive
Pläne  gegen  England  verfolgten,  und  wenn  zu  meinem  tiefen  Bedauern
auch  der  Herr  Abgeordnete  Bebel  sich  hierüber  nicht  mit  der  wünschenswerten
  vollen  Klarheit  und  apodiktischen  Gewißheit  ausgesprochen  und
die  Verleumdungen  zurückgewiesen  hat,  dann  frage  ich  Sie  alle,  die  Sie
an  unserem  Flottenprogramm  mitgewirkt  haben,  ob  unsere  Flotte  andere
als  rein  defensive  Zwecke  verfolgt.  Sie  verfolgt  nur  defensive  Zwecke
und  wird  auch  in  Zukunft  keine  anderen  als  defensive  Zwecke  verfolgen.
Dafür  sorgt  nicht  nur  unser  Friedensbedürfnis  —  selbstverständlich,
meine  Herren,  das  Bedürfnis  eines  Friedens  in  Ehren  —,  sondern
dafür  sorgt  auch  die  rapide  Zunahme  der  maritimen  Machtmittel  aller
übrigen  seefahrenden  und  seekräftigen  Nationen.  Der  Kreis  der  seefahrenden
  Nationen  hat  sich  in  den  letzten  Jahren  viel  zu  rasch  entwickelt,
  als  daß  irgend  eine  Macht  den  Anspruch  auf  universelle  Seeherrschaft
  erheben  könnte.  In  der  alten  Welt,  als  die  Länder  um  das
Mittelmeer  den  Erdkreis  bedeuteten,  als  Rom  und  Karthago  um  die
Suprematie  rangen,  da  hatte  das  Ceterum  censeo  des  alten  Cato
vielleicht  die  politische  Logik  für  sich.  Noch,  als  die  Engländer  ihre
Seekriege  führten  gegen  Spanien,  gegen  Holland,  gegen  Frankreich,
winkte  dem  Sieger  als  Preis  das  Monopol  auf  dem  Meere.  Heute
ist  das  anders.  Was  hat  heute  ein  Volk  gewonnen,  wenn  es
einen  seiner  maritimen  Nebenbuhler  niederwirft?  Es  wird
vielleicht  den  wirtschaftlichen  Organismus  dieses  Gegners
zerstören,  aber  es  wird  sicher  auch  seinem  eigenen  Handel  die
schwersten  Wunden  schlagen.  Es  wird  die  Geschäfte  der
anderen  besorgen,  die  mit  Vergnügen  die  leeren  Plätze  auf
dem  Weltmarkt  einnehmen  und  sich  auf  ihnen  hänslich  einrichten
  würden.  Auch  wer  als  Sieger  aus  einem  solchen