Dezember  1904.  133

Reichsverfassung  festhalten,  daraus  können  Sie  ihnen  keinen  Vorwurf
machen.

(Sehr  richtig!  rechts.)
Die  verbündeten  Regierungen  wollen  nicht  oder  sie  wollen  noch  nicht
in  eine  Anderung  der  Reichsverfassung  einwilligen,  weil  sie  der  Ansicht
sind,  daß  jede  Anderung  der  Reichsverfassung  eine  überaus  ernste  Sache
ist,  die  man  sich  reiflich  überlegen  muß.

(Heiterkeit  links.)

Ich  möchte  namentlich  die  Herren  von  der  äußersten  Linken  auf  einen
Widerspruch  in  ihrer  Haltung  aufmerksam  machen,  auf  einen  klaffenden
Mangel  an  Logik.  Wenn  von  irgend  einer  Seite  eine  Verfassungsänderung
  angeregt  wird,  die  den  Herren  von  links  nicht  paßt,  dann
entsteht  ein  furchtbares  Geschrei  über  die  Bedrohung  der  Verfassung:
wenn  es  sich  dagegen  um  eine  Verfassungsänderung  handelt,  die  ihnen
genehm  ist,  dann  hört  die  Verfassung  auf,  ein  unantastbares  Heiligtum
zu  sein.

(Sehr  richtig!  rechts.)
Wir  müssen  alle  versuchen,  mit  der  Verfassung,  wie  sie  nun  einmal  ist,
auszukommen;  wir  müssen  alle  die  Verfassung  respektieren  —  die  Verbündeten
  Regierungen  am  längsten  und  am  meisten.  Daraus  können
Sie  uns  keinen  Vorwurf  machen.

Und  noch  eins  möchte  ich  sagen:  wenn  der  Herr  Abgeordnete  Bebel
eben  im  Namen  des  Deutschen  Reichstags  für  die  Würde  des  Reichstags
  gegenüber  den  verbündeten  Regierungen  plädiert  hat,  so  hat  mich
das  doch  eigentümlich  berührt  in  demselben  Augenblick,  in  dem  der  Herr
Abgeordnete  Bebel  der  Mehrheit  dieses  Reichstags,  der  aus  allgemeinen.
direkten  geheimen  Wahlen  hervorgegangenen  Mehrheit  des  Reichstags
eine  solche  Beleidigung  ins  Gesicht  geworfen  hat,  daß  er  dafür  zur
Ordnung  gerufen  geworden  ist.  Davon  will  ich  gauz  absehen,  daß  ich
mich  erinnere,  in  dem  öfters  zitierten  Buch:  „Die  Frau“  gelesen  zu
haben,  im  Zukunftsstaat  würden  die  Parlamente  verschwinden,  und  die
Sozialdemokratie  mache  sich  aus  dem  Parlamentarismus  nicht  viel.
Also  verstehe  ich  nicht,  weshalb  Sie  gerade  im  Namen  der  Rechte  und
der  Würde  des  Parlaments  für  Diäten  plädieren.

Meine  Herren,  endlich  hat  der  Herr  Abgeordnete  Bebel  auch  gesagt,
wir  seien  nicht  reich  genug,  um  unsere  Rüstungen  aufrecht  zu  erhalten.
Meine  Herren,  diese  Melodie  kennen  wir.  Diese  Melodie  ist  erklungen,
solange  es  eine  deutsche  Geschichte  gibt.  Diese  Melodie  hörte  man  schon