Dezember  1904.  141

hat  zunächst  gemeint,  es  sei  ein  Unterschied  zwischen  dem  Auftreten  einer
Partei  und  zwischen  der  Haltung  einer  Regierung.  Das,  meine  Herren,
kann  ich  nicht  zugeben.  Die  Annahme,  es  sei  gleichgiltig,  wie  die  Parteien,
  die  Presse,  das  Parlament  sich  zu  den  großen  Fragen  der  auswärtigen
  Politik  stellen,  trifft  heute  nicht  mehr  zu.  Wir  gewinnen  nicht
an  Ansehen,  wenn  schwierige,  verwickelte,  heiklle  Fragen  der  internationalen
  Politik  lediglich  vom  Parteistandpunkt  aus  behandelt  werden.
Gerade  so,  wie  man  während  des  südafrikanischen  Krieges  auf  falschem
Wege  war,  als  man  sich  vom  Gefühl  leiten  ließ  und  das  vermeintliche
moralische  Recht  oder  Unrecht  verwechselte  mit  dem  nationalen  Vorteil
oder  Nachteil,  so  ist  man  auch  heute  im  Irrtum,  wenn  man  sich  in  der
auswärtigen  Politik  von  Gefühlswallungen  oder  von  Fraktionsrücksichten
bestimmen  läßt.  Ich  wiederhole  noch  einmal:  wir  beobachten  Rußland
gegenüber  die  vollkommen  loyale  Neutralität,  die  unserem  traditionellen
Verhältnis  zu  dieser  Macht  entspricht,  ohne  daß  wir  damit  den  anderen
Mächten,  die  mit  uns  im  Allianz=  oder  Freundschaftsverhältnis  stehen,
irgendwelchen  Grund  zu  berechtigtem  Mißtrauen  oder  zu  berechtigter
Beschwerde  geben.  Ich  kann  nur  wünschen,  daß  alle  Parteien,  daß  die
öffentliche  Meinung  und  die  Presse  dieselbe  Linie  einhalten  mögen.
Wir  Deutsche  —  ich  will  das  offen  aussprechen  —  haben  eine  unglückliche
  Sucht,  einen  unglücklichen  Hang,  bei  fremden  Händeln  Partei  für
den  einen  oder  anderen  zu  nehmen,  uns  mit  unserm  Urteil  in  fremde
Streitigkeiten  einzumischen.
(Sehr  richtig!)
Dabei  kommt  praktisch  nicht  viel  heraus.  Es  ist  ein  Mangel  an  Erziehung,
  wenn  bei  uns  weite  Kreise  sich  hineinschreiben  und  hineinreden
lassen  in  eine  solche  heftige  Parteinahme  und  dabei  womöglich  noch
denken,  das  schade  nichts,  wenn  die  Regierung  sich  nur  korrekt  verhalte.
(Sehr  richtig!  links.)

Je  größer  der  Einfluß  der  Organe  der  öffentlichen  Meinung,  der  Abgeordneten
  wie  der  Presse,  geworden  ist  auch  für  Fragen  der  auswärtigen
  Politik,  um  so  mehr  müssen  sie  sich  der  Verantwortlichkeit  bewußt
  werden,  die  auf  ihnen  ruht  für  Schwierigkeiten,  die  aus  der  Erregung
  von  Volksleidenschaften  für  den  Gang  unserer  auswärtigen
Politik  erwachsen.  Ich  will  gerne  anerkennen,  daß  unsere  große  Tagespresse
  von  der  „Kreuzzeitung“  bis  zur  „Frankfurter  Zeitung“  sich
gegenüber  dem  gegenwärtigen  ostasiatischen  Kriege  einer  anerkennenswerten
  Ruhe  und  Besonnenheit  befleißigt.  Da  mich  aber  der  Herr