Dezember  1901.  145

Was  die  Behauptung  angeht,  nämlich  daß  eine  solche  Mitteilung  ausgegangen
  wäre  „von  dem  langjährigen  früheren  englischen  Botschafter
in  Berlin,  White“,  so  hat  es  allerdings  einmal  einen  englischen  Botschafter
gegeben,  der  White  hieß;  der  war  aber  nicht  Botschafter  in  Berlin,
sondern  in  Konstantinopel.

(Heiterkeit.)

Dann  hat  es  auch  einmal  einen  Botschafter  in  Berlin  gegeben,  der
White  hieß,  der  war  aber  nicht  englischer  Botschafter,  sondern  ameri—
kanischer.

Geiterkeit.)

Auf  der  Höhe  dieser  Sachkenntnis,  die  mich  wirklich  schon  an  Pichelswerder
  erinnert

(Heiterkeit),
steht  anch  der  übrige  Inhalt  dieses  Artikels  oder  ähnlicher  —  ich  will
nicht  sagen  —  Insinnationen,  aber  ähnlicher  Andeutungen.  Für  die
große  Mehrheit  dieses  Hohen  Hauses  brauche  ich  wohl  nicht
zu  sagen,  daß  ein  solcher  Vertrag  nicht  existiert.

Meine  Herren,  und  endlich  hat  der  Herr  Abgeordnete  von  Vollmar
auch  gemeint,  die  auswärtige  Lage  sei  so  friedlich,  daß  er  nicht  einsehe,
weshalb  wir  unsere  Wehrkraft  zu  verstärken  brauchten.  Wir  haben
keinen  Grund,  an  der  Aufrichtigkeit  der  Friedensversicherungen  zu
zweifeln,  die  die  Regierungen  der  Großmächte  wiederholt  abgegeben
haben.  Die  Regierungen,  Fürsten  und  Staatslenker  sind,  wie  ich  glaube,
alle  von  dem  aufrichtigen  Wunsch  erfüllt,  den  Frieden  aufrecht  zu
erhalten.  Ich  kann  auch  hinzufügen,  daß  die  zwischen  den  Mächten
bestehenden  Allianzen  sich  mehr  und  mehr  als  Instrumente  des  Friedens
bewährt  haben.  Wie  sehr  das  von  dem  Dreibund  gilt,  habe  ich  hier
mehr  als  einmal  dargelegt.  Aber  auch  die  französisch-russische  Allianz
hat  sich  als  friedenerhaltend  bewährt,  indem  sie  auf  weniger  friedliche
Elemente  in  Frankreich  einen  moderierenden  Einfluß  ausgeübt  hat.
Wir  hoffen,  daß  auch  die  französisch-englische  Annäherung  friedenerhaltend
wirken  wird.  Für  Deutschland  dürfen  wir  das  Verdienst  in  Anspruch
nehmen,  daß  es,  dank  der  weisen  Politik  unseres  alten  Kaisers  und
seines  großen  Kanzlers,  den  Grund  zu  einer  langen  Friedensepoche  gelegt
  hat.  Ich  würde  aber  meinen  Pflichten  als  auswärtiger  Minister
nicht  genügen,  wenn  ich  die  Angen  dagegen  verschließen  wollte,  daß  es
in  Europa  auch  Unterströmungen  gibt,  die  zu  kriegerischen  Verwicklungen
drängen.  Wenn  Sie  an  die  Revanchegelüste  in  Frankreich  denken  —

Penzler,  Fürst  Bülows  Reden  2c.  II.  10