Jannar  1905.  151

eines  solchen  Kampfes,  hier  in  dem  Verlust  großer  Werte,  dort  im
Familienelend  und  in  sinkender  Lebensführung.  Und  deshalb  schließe
ich  mich  von  ganzem  Herzen  der  Hoffnung  des  Herrn  Abgeordneten
an,  die  gewiß  von  diesem  Hohen  Hause  ohne  Ausnahme  geteilt  wird,
daß  auf  beiden  Seiten  die  besonnene  Uberlegung  die  Oberhand  behalten
und  ohne  schwere  Kalamitäten  für  beide  Teile  und  für  das  Land  zu
einer  friedlichen  Verständigung  führen  möge.
(Allseitiges  lebhaftes  Bravol)

19.  Bergarbeiterstreitz  im  Ruhrkohleubezirk.
Sitzung  des  Reichstages  vom  20.  Jannar  1905.1)

Von  den  Abgeordneten  Auer  und  Genossen  war  folgende  Interpellation
eingebracht  worden:

Ist  dem  Herrn  Reichskanzler  bekannt,  daß  die  Werkbesitzer  im  Ruhrkohlenbezirk


1.  systematisch  die  zum  Schutze  der  Arbeiter  in  der  Reichsgewerbeordnung
festgelegten  und  auch  für  die  Bergarbeiter  giltigen  Bestimmungen  umgehen
und  sogar  eine  förmliche  Organisation  behufs  Verrufserklärung
unbeqnemer  Arbeiter  geschlossen  haben;

2.  die  reichsgesetzlichen  Vorschriften  über  den  Arbeitsvertrag  tatsächlich
außer  Wirkung  setzten,  die  Arbeitsordnungen  durchaus  willkürlich  anwenden
  und  dadurch  werkseitig  fortgesetzt  Kontraktbruch  geübt  wird;

3.  durch  das  Nullen  der  Kohlenwagen  den  Arbeiter  um  einen  Teil  seines
verdienten  Lohnes  betrügen;

4.  durch  ihre  Verkaufsorganisation,  das  Kohlensyndikat,  ohne  Berücksichtigung
  der  Industrie  und  der  allgemeinen  Volksbedürfnisse  die  Kohlenpreise
  systematisch  hinaufschrauben,  und  um  dieses  in  höherem  Grade  zu
erreichen,  alles  getan  haben,  was  den  Ausbruch  des  Bergarbeiterstreiks
zur  Folge  haben  mußte?  «

Welche  Maßregeln  gedenkt  der  Reichskanzler  gegenüber  diesen  Vorgängen
zum  Schutze  der  Arbeiter  sowie  der  Kohlenverbraucher  zu  ergreifen?

Diese  Interpellation  wurde  in  längerer  Rede  vom  Abgeordneten  Hus  begründet
  und  dann  vom  Reichskanzler  und  vom  prenßischen  Handelsminister  Möller
beantwortet.

Reichskanzler  Graf  von  Bülow:
Meine  Herren,  der  preußische  Herr  Handelsminister  wird  die
Interpellation  der  Herren  Abgeordneten  Auer  und  Genossen  im  einzelnen

1)  Sten.  Ber.  d.  R.-T.,  11.  Leg.-Per.,  I.  Session  1903/˙05,  123.  Sitzung.