Januar  1905.  153

nach  gemeinsamen  Verhandlungen  mit  den  Vertretern  der  Arbeiter
ignorieren  sollten,  so  würde  ich  das  gerade  so  mißbilligen

(hört!  hört!  links),
wie  ich  trotz  der  nach  meiner  Ansicht  verfehlten  Rechtfertigungsversuche
des  Herrn  Vorredners  die  Einstellung  der  Arbeit  ohne  vorherige
Kündigung  mißbillige  und  bedaure.

(Sehr  gut!  rechts.)
Hier  Recht  und  Unrecht,  das  unter  Aufrechterhaltung  des  wirtschaftlichen
Gesamtinteresses  Mögliche  von  dem  Agitatorischen  und  Utopischen  zu
scheiden,  bedarf  einer  sehr  sorgsamen  Untersuchung.  Um  eine  solche
gerecht  vorzunehmen,  dazu  muß  man  sich  von  parteipolitischen  Gründen
und  Spekulationen  noch  freier  halten,  als  dies  der  Herr  Vorredner

getan  hat.
(Zurufe  von  den  Sozialdemokraten.)

Meine  Herren,  ich  bin  nicht  nur  in  den  Ausführungen  des  Herrn
Vorredners,  sondern  auch  in  der  bürgerlichen  Presse,  in  Zeitungsausschnitten,
  die  mir  heute  morgen  vorgelegt  worden  sind,  Klagen  begegnet
über  die  angebliche  Rat=  und  Machtlosigkeit  des  Staates.  Dabei  tritt
bei  unserer  an  die  Achtung  vor  König,  Staat  und  Obrigkeit  gewöhnten
bürgerlichen  Gesellschaft  ein  starkes  Mißtrauen  hervor  gegen  die  vereinte
Kapitalsmacht  der  großen  Zechenbesitzer  und  Banken,  wie  diese  sich
bemerkbar  gemacht  hat  in  der  Hibernia-Angelegenheit,  und  wie  sie  der
Herr  Vorredner  zu  meinem  Bedauern  ausspielen  konnte.

(Bewegung.)

Meine  Herren,  wir  stehen  hier  vor  einem  der  schwierigsten  Probleme,
das  in  anderen  Kulturstaaten  ebenso  wie  bei  uns  noch  der  Lösung  harrt.
Ich  weise  hin  auf  die  Vereinigten  Staaten,  wo  die  Syndikats-,  Kartellund
  Trustbildung  am  weitesten  vorgeschritten  ist,  eine  weise  Zentralverwaltung
  und  ein  weiser  Präsident  aber  schon  am  Werke  sind,  das
Gemeinwohl  vor  Schaden  zu  bewahren.

(Hörtl  hörth
Bei  uns  ist  die  Aufgabe  in  einer  Richtung  erleichtert.  Ich  denke  dabei
an  die  vorbildlichen  Werke  der  deutschen  Sozialpolitik,  ich  denke  an
das  Gefühl  der  sozialen  Verpflichtung,  das  die  deutschen  Unternehmer
die  großen  Lasten  und  Kosten  der  sozialen  Gesetzgebung  willig  tragen
läßt  und  sich  fortgesetzt  —  das  möchte  ich  besonders  hervorheben  —
in  großartigen  freiwilligen  Wohlfahrtseinrichtungen  für  die  Arbeiter
betätigt.
(Zwischenrufe  von  den  Sozialdemokraten.)