158  20.  Die  Handelsverträge.

und  setzte  ihre  Entwicklung  zum  Großbetrieb  fort.  Zwar  trat  in
den  achtziger  Jahren  bei  den  Handelsstaaten  die  Tendenz  hervor,  sich
mit  hohen  Zollschranken  abzuschließen  und  der  deutschen  Industrie  den
Absatz  ihrer  überschüssigen  Erzeugnisse  nach  dem  Auslande  zu  erschweren.
Aber  diese  unserer  Industrie  drohende  Gefahr  des  Erstickens  in  der
eigenen  Uberproduktion  wurde  anfangs  der  neunziger  Jahre  durch  den
Abschluß  der  Handelsverträge  im  wesentlichen  beschworen  und  durch  jene
Handelsverträge  eine  feste  Grundlage  für  den  internationalen  Warenaustausch
  für  eine  längere  Reihe  von  Jahren  geschaffen.  Seitdem
nahmen  Industrie  und  Handel  bei  uns  einen  glänzenden  Aufschwung,
der  1895  einsetzte  und  bis  um  die  Mitte  des  Jahres  1900  dauerte.
Von  diesem  Zeitpunkt  an  flante  die  wirtschaftliche  Aufwärtsbewegung
allerdings  ab.  Handel  und  Wandel  gerieten  ins  Stocken.  Es  zeigten
sich  sowohl  auf  dem  inneren  Markt  wie  in  den  auswärtigen  Absatzverhältnissen
  gewisse  Schwierigkeiten.  Immerhin  vermag  dieser  teilweise
Rückschlag  am  Gesamtbild  einer  Periode  des  Anfblühens  von  Handel
und  Industrie  unter  dem  Regime  der  Handelsverträge  nichts  Wesentliches
zu  ändern.  Auch  deuten  manche  Anzeichen,  namentlich  die  wieder
steigenden  Einnahmen  aus  dem  Eisenbahnverkehr  darauf  hin,  daß  diese
Geschäftsstockungen  zum  großen  Teil  überwunden  sind,  und  Handel  und
Industrie  wieder  unter  günstigeren  Anspizien  arbeiten.  Dagegen  ist  die
Lage  unserer  heimischen  Landwirtschaft,  welcher  durch  jene  Handelsverträge
  ein  großer  Teil  ihres  Schutzes  genommen  war,  infolge  des  fortgesetzt
  unbefriedigenden  Standes  der  Getreidepreise,  infolge  des  Hinzutretens
  ungünstiger  Produktionsbedingungen  eine  immer  kritischere  geworden.
Die  Ergebnisse  der  letzten  Volkszählung  lassen  deutlich  die  Verschiebung
erkennen,  welche  sich  innerhalb  der  Bevölkerung  des  Denutschen  Reiches
zu  Ungunsten  der  Landwirtschaft  während  der  letzten  Dezennien  vollzogen
hat.  Im  Jahre  1871  wohnten  64  Prozent  der  Bevölkerung  in  ländlichen
  Gemeinden,  d.  h.  in  Gemeinden  bis  zu  2000  Einwohnern.  Im
Jahre  1895  hielten  sich  Stadt  und  Land  ungefähr  das  Gleichgewicht,
während  heute  nur  noch  46  Prozent  der  Bevölkerung  anf  dem  platten
Lande  wohnen  gegen  54  in  den  Städten.

(Hört!  hört!  rechts.)

Diese  Zahlen  verdienen  nach  meiner  lberzeugung  die  ernsteste  Beachtung.
Ich  habe  es,  glaube  ich,  schon  einmal  von  dieser  Stelle  gesagt:  Deutschland
  ist  nicht  lediglich  ein  Industriestaat

(sehr  wahr!  rechts,  oh!  links),