Februar  1905.  159

es  ist  Agrar-  und  Industriestaat.
(Sehr  wahr!  rechts.)

Weite  Distrikte  in  unserem  Vaterlande,  namentlich  im  Nordosten,  aber
auch  im  Süden  und  Südwesten  z.  B.  in  Bayern,  sind  auf  den  Betrieb
der  Landwirtschaft  angewiesen.  Hier  fehlen  die  Vorbedingungen  für
eine  gedeihliche  Entwicklung  der  Industrie  entweder  ganz  oder  sind  nur
spärlich  und  in  örtlich  beschränktem  Umfange  vorhanden.  Ich  erkenne
durchaus  die  hohe  Bedeutung  an,  welche  Industrie  und
Handel  für  unsere  wirtschaftliche  und  kulturelle  Entwicklung
haben,  für  die  Mehrung  unseres  Nationalvermögens,  für
unsere  Machtstellung  in  der  Welt.  Ich  frene  mich  dieser  Erfolge
  unserer  Handelspolitik,  welche  zu  diesem  wirtschaftlichen
Aufschwunge  mit  beigetragen  hat.  Ich  betrachte  aber  die
Landwirtschaft  als  einen  den  beiden  anderen  Erwerbsständen
vollständig  gleichberechtigten  Faktor;  ich  erachte  die  Erhaltung
einesleistungsfähigen,  fest  eingesessenen  Banernstandes,  dieser
Grundlage  unserer  Nähr=  und  Wehrverhältnisse,  für  im
höchsten  Staatsinteresse  liegend.
(Bravok  rechts.)

Wenn  ein  so  wichtiges  Glied  des  Volksorganismus  wie  die  Landwirtschaft
  krankt,  dann  darf  es  nicht  seinem  Schicksal  überlassen  werden,
sondern  es  ist  die  Pflicht  einer  staatserhaltenden  Politik,  ihr  jede  Fürsorge
  und  Pflege  angedeihen  zu  lassen,  die  sich  mit  den  Lebensinteressen
der  anderen  Erwerbsstände  irgend  vereinigen  läßt.

Meine  Herren,  dieser  Rückblick  auf  die  Entwicklung  unseres  wirtschaftlichen
  Lebens  während  der  letzten  Jahrzehnte  ließ  die  verbündeten
Regierungen  die  Gesichtspunkte  klar  erkennen,  von  denen  bei  einer  Neuregelung
  der  Handelsbeziehungen  zum  Auslande  auszugehen  war.  Vor
allem  glaubten  die  verbündeten  Regierungen  an  dem  bisherigen  System
unserer  Handelspolitik  festhalten  und  wiederum  Handelsverträge  mit
Konventionaltarifen  auf  eine  längere  Reihe  von  Jahren  mit  den
wichtigsten  Kulturstaaten  abschließen  zu  sollen.

Um  aber  die  Nengestaltung  unserer  Handelspolitik  auf  einer  für
uns  annehmbaren  Grundlage  zu  sichern,  mußten  wir  zunächst  in  eine
Revision  des  bestehenden,  den  gegenwärtigen  wirtschaftlichen  Verhältnissen
in  Deutschland  vielfach  nicht  mehr  entsprechenden  Zolltarifs  eintreten.
Damit  knüpften  wir  an  die  Traditionen  des  Fürsten  Bismarck  an,  der
in  seinem  bekannten  Schreiben  vom  25.  Oktober  1878  an  den  damaligen