160  20.  Die  Handelsverträge.

Reichstagsabgeordneten  Baron  von  Varnbüler  die  Revision  des  Zolltarifs
  als  die  Vorbedingung  für  etwaige  Handelsverträge  bezeichnet
hatte,  um  Kompensationsobjekte  zu  schaffen  für  eventuelle  Tarifverhandlungen.
  Gerade  auf  den  Abschluß  langfristiger  Handelsverträge  mit
gebundenen  Tarifen  legten  die  verbündeten  Regierungen  den  höchsten
Wert.  Sie  wollten  dadurch  unserem  wirtschaftlichen  Leben  Sicherheit
und  Stetigkeit  erhalten,  unsere  Ausfuhrindustrie  vor  Uberraschungen
durch  einseitige  Willkür  in  der  Zollgesetzgebung  der  anderen  Länder
bewahren  und  es  unserer  Exportindustrie  ermöglichen,  sich  auf  längere
Zeiträume  einzurichten  und  ihren  Abschlüssen  eine  sichere  Basis  zu  geben.
Dadurch  wird  auch  unter  den  obwaltenden  Verhältnissen  wohl  den
Interessen  nicht  nur  der  Industrie  und  des  Handels,  sondern  auch  der
Landwirtschaft,  die  doch  wenigstens  zum  Teil  auf  die  Ausfuhr  ihrer
Erzeugnisse  angewiesen  ist  —  ich  erinnere  an  die  Zucker=  und  Spiritusfabrikation
  —,  tatsächlich  am  besten  gedient.

Daneben  aber,  meine  Herren,  hielten  die  verbündeten  Regierungen
es  für  notwendig,  nunmehr  auch  unserer  Landwirtschaft  einen  angemessenen,
  d.  h.  wesentlich  erhöhten  Zollschutz  zu  gewähren.  Von  der
absoluten  Notwendigkeit  dieser  Erhöhung  bin  ich  seit  meinem  Amtsantritt
  stets  durchdrungen  gewesen,  und  ich  habe  aus  dieser  meiner
Uberzeugung  niemals  ein  Hehl  gemacht;  denn  die  Landwirtschaft  ist  es,
die  bei  den  letzten  Handelsverträgen  zu  kurz  gekommen  war

(sehr  richtig!  rechts),
und  die  unter  der  damaligen  Herabsetzung  der  landwirtschaftlichen  Zölle
schwer  zu  leiden  gehabt  hat.
(Zustimmung  rechts.  —  Unruhe  links.)

Sollte  aber  der  Landwirtschaft  geholfen  werden,  so  war  ein  verstärkter
  Zollschutz  sowohl  für  den  deutschen  Getreidebau,  wie  für  die
heimische  Viehzucht  unerläßlich.

(Sehr  wahr!  rechts.)

Der  Getreidebau  bildet  auch  heute  noch  die  hauptsächlichste  Grundlage
des  landwirtschaftlichen  Betriebes  in  Deutschland  und  wird  es  bei
unserer  Bodenbeschaffenheit  und  unseren  klimatischen  Verhältnissen  voraussichtlich
  in  absehbarer  Zeit  bleiben.  Mehr  als  die  Hälfte  der  deutschen
Acker=  und  Gartenfläche  wird  mit  Getreide  bestellt.  Bei  einem  so  umfangreichen
  Anbau  der  Halmfrüchte  ist  die  Höhe  der  Getreidepreise  für  die
Rentabilität  der  Landwirtschaft  von  größter  Bedeutung.

(Sehr  richtig!  rechts  und  von  den  Nationalliberalen.)