Februar  1905.  161

Nun  zeigen  aber  die  Getreidepreise  seit  den  letzten  25  Jahren  —  wenn
auch  unter  erheblichen  Schwankungen  —  eine  fallende  Bewegung.  In
der  wachsenden  Konkurrenz  des  billiger  produzierenden  Auslandes,  in
der  Verbesserung  der  Transportmittel,  durch  die  Billigkeit  der  Bahnund
  Seefrachten  findet  diese  sinkende  Bewegung  ihre  natürliche  Erklärung.
Das  Maß  für  die  Erhöhung  der  landwirtschaftlichen  Zölle  glaubten
die  verbündeten  Regierungen  zu  finden  einerseits  in  der  gebotenen
Rücksicht  auf  die  beiden  anderen  Erwerbsstände,  Handel  und  Industrie,
andererseits  in  der  Rücksicht  auf  die  Konsumenten.

Wenn  aber,  meine  Herren,  die  Schaffung  vertragsmäßiger  Bürgschaften
  für  den  internationalen  Güteraustausch  den  verbündeten  Regierungen
  als  notwendig  galt,  so  durfte  mit  der  Erhöhung  der  landwirtschaftlichen
  Zölle  nur  so  hoch  gegangen  werden,  als  dabei  der  Abschluß
langfristiger  Handelsverträge  noch  möglich  erschien,  und  als  dabei  eine
Schädigung  anderer  Bevölkerungskreise  nicht  zu  befürchten  war.

Von  diesen  rein  objektiven  Gesichtspunkten  sind  die  verbündeten
Regierungen  auch  bei  der  Abmessung  der  neuen  Getreidezölle  ausgegangen.
Für  die  vier  Hauptgetreidearten  wurden  auf  meinen  Vorschlag  Minimalzölle
  eingestellt,  um  damit  dem  Auslande  zu  zeigen,  daß  ein  Schutz  des
deutschen  Getreidebaus  in  dieser  Höhe  uns  als  absolut  notwendig  und
ein  Heruntergehen  unter  diese  Minimalzölle  während  der  Vertragsverhandlungen
  von  vornherein  als  undiskutabel  gelte.

Meine  Herren,  die  Höhe  der  Getreidezölle  bildete  bekanntlich
während  unserer  Verhandlungen  über  den  neuen  Zolltarif  einen  der
bestrittensten  Punkte.  Von  der  einen  Seite  wurden  diese  Getreidezölle
für  nicht  ausreichend  erachtet,  von  der  anderen  Seite  wurden  dieselben
Getreidezölle  für  exorbitant  erklärt,  und  es  für  vollständig  ausgeschlossen
gehalten,  mit  solchen  Minimalzöllen  wieder  zu  Handelsverträgen  zu
kommen.  Die  verbündeten  Regierungen  haben  sich  durch  die  von  rechts
und  links  gegen  sie  gerichteten  Angriffe  nicht  irre  machen  lassen,  sondern
sie  haben  festgehalten  an  den  von  ihnen  für  angemessen  erachteten  Sätzen  —
festgehalten  nach  allen  Seiten.  Ich  verrate  kein  diplomatisches  Geheimnis,
wenn  ich  sage,  daß  es  nur  mit  Mühe,  mit  großer  Mühe  gelungen  ist,
in  den  Handelsvertragsunterhandlungen  und  namentlich  in  den  Handelsvertragsunterhandlungen
  mit  Rußland  und  Osterreich-Ungarn  die  Minimalzölle
  in  der  von  diesem  Hohen  Hause  beschlossenen  Höhe  durchzusetzen.
Im  Interesse  unserer  Landwirtschaft  haben  wir  diesen  Kampf,  diesen
harten  und  langwierigen  Kampf  gekämpft  und  mit  Erfolg  gekämpft.
Wir  haben  mit  sieben  Vertragsstaaten  Handelsverträge  zustande  gebracht,

Penzler,  Fürst  Bülows  Reden  2c.  II.  11