Februar  1905.  163

Und  dieser  wirtschaftliche  Aufschwung  hat  sich  vollzogen  in  einer  Periode,
an  deren  Beginn  wir  übergegangen  sind  von  dem  System  des  Freihandels
  zu  dem  System  des  Schutzes  der  nationalen  Arbeit

(sehr  richtig!  rechts  und  bei  den  Nationalliberalen)

unter  Wiedereinführung  und  allmählicher  Erhöhung  der  Getreidezölle.

Und  wie  liegt  die  Sache  in  Frankreich?  In  Frankreich,  meine
Herren,  spielt  der  Weizen  in  der  Ernährung  der  arbeitenden  Klassen
eine  viel  größere  Rolle  als  bei  uns.  Trotzdem  besteht  in  Frankreich
seit  Jahren  ein  Weizenzoll  von  5,60  M.  für  den  Doppelzentner.

(Hört!  hört.)
Die  Mehrheit  der  französischen  Deputiertenkammer,  die  eine  republikanische,
  radikale,  demokratische  Mehrheit  ist,  innerhalb  deren  die  sozialistische
  Gruppe  eine  maßgebende  Rolle  spielt,  hat  vor  nicht  langer  Zeit
einen  Antrag  auf  Herabsetzung  der  Getreidezölle  mit  großer  Mehrheit
abgelehnt
(hört!  hört!  rechts  und  in  der  Mitte),
dagegen  trotz  des  Widerspruchs  der  Regierung  einen  Antrag  auf  Erhöhung
  der  Viehzölle  mit  ebenso  großer  Mehrheit  angenommen.
(Hört!  hört!  rechts  und  in  der  Mitte.)

Die  französischen  Republikaner,  Radikalen  und  Demokraten,  denen  doch
gewiß  das  Schicksal  der  arbeitenden  Klassen  am  Herzen  liegt  —  ich
habe  in  einem  interessanten  Aufsatz  in  der  „Neuen  Zeit“  vor  einigen
Tagen  zwar  das  Gegenteil  gelesen,  ich  kann  das  aber  nicht  recht  glauben;
ich  nehme  an,  daß  der  Kammermehrheit  in  Frankreich  das  Schicksal
der  arbeitenden  Klassen  wirklich  am  Herzen  liegt  —,  also  die  französische
  Volksvertretung  glaubt  nicht,  daß  die  Lebenshaltung  der  arbeitenden
Klassen  durch  Getreidezölle  beeinträchtigt  wird.

(Sehr  richtig!  rechts.)
Eine  solche,  wie  ich  glaube,  schiefe  und  irrige  Auffassung  überlassen  die
französischen  Radikalen,  die  praktische  Leute  sind

(Heiterkeit),

ihren  mehr  doktrinär  angelegten  deutschen  Gesinnungsgenossen.

(Erneute  Heiterkeit.)

Wir  haben  also  die  Getreidezölle  nach  allen  Seiten  gehalten.  Wir
hoffen,  daß  unter  ihrem  Schutz  der  deutsche  Körnerbau  sich  gedeihlich
entwickeln  wird.  Der  Zoll  für  Roggen  ist  um  43,  der  Zoll  für  Weizen
um  57,  der  Zoll  für  Hafer  um  76,  der  Zoll  für  Gerste  um  100  Prozent
  erhöht  worden.

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