164  20.  Die  Handelsverträge.

Sehr  eigentümlich  hat  es  mich  berührt,  daß  ich  nach  dem  Abschluß
des  Handelsvertrags  mit  Rußland  in  der  Presse  immer  wieder  zu  lesen
bekam,  ich  hätte  den  Minimalzoll  für  Gerste  mit  4  M.  fallen  lassen.
Die  Differenzierung  der  Gerste,  die  Erhöhung  und  Normierung  des
Zolls  für  Braugerste  als  eines  Minimalzolles  war  einer  der  hauptsächlichsten
  Punkte  des  Kompromisses,  das  zur  Annahme  des  Antrags
von  Kardorff  und  damit  des  ganzen  Zolltarifs  geführt  hat.  Diesen  Gerstenzoll
  fallen  zu  lassen,  würde  mir  —  ich  nehme  keinen  Anstand,  das  zu
sagen  —  als  ein  Akt  der  Illoyalität  erschienen  sein.

(Sehr  gutl)

Die  Minimalzölle  waren  während  der  ganzen  Verhandlungen
für  mich  ein  noli  me  tangere.

Meine  Herren,  sehr  schwierig  gestalteten  sich  die  Verhandlungen  über
den  Seuchen=  und  Sperrschutz  für  unsere  heimischen  Viehbestände.  Von
mehreren  Vertragsstaaten,  insbesondere  von  Rußland  und  Rumänien
waren  anfänglich  gerade  auf  veterinärpolizeilichem  Gebiet  wesentliche
Zugeständnisse  für  die  Einführung  von  Vieh,  Fleisch,  Geflügel,  tierischen
Produkten  nicht  nur  gefordert,  sondern  geradezu  als  eine  Voraussetzung
für  die  Erneuerung  der  Handelsverträge  bezeichnet  worden.  Darauf
konnte  ich  mich  selbstverständlich  nicht  einlassen.  Der  deutsche  Viehbestand
  repräsentiert  einen  Wert  von  über  7  Milliarden.  Er  bildet
einen  bedeutenden  Teil  unseres  Nationalvermögens.  Seine  Sicherstellung
  gegen  Seuchengefahr  ist  mithin  von  der  allergrößten  wirtschaftlichen
  Bedeutung.  Von  dieser  Uberzeugung  sind  wir  alle  durchdrungen,
die  wir  hier  auf  dieser  Bank  sitzen.  Um  so  mehr  hat  es  mich  gewundert,
  daß  ich  nach  dem  Abschluß  des  Handelsvertrags  mit  Rußland
weiter  zu  hören  bekam,  ich  hätte  auf  veterinärem  Gebiet  den  Russen
alle  möglichen  Konzessionen  gemacht.  An  solche  Ausführungen  wurde
dann  gewöhnlich  der  Appell  geknüpft,  die  Vertreter  der  Landwirtschaft
möchten  den  neuen  Handelsvertrag  ablehnen.  Meine  Herren,  wenn  die
Prämisse  richtig  wäre,  so  würde  ich  die  Schlußfolgerung  auch  unterschreiben.
  Es  ist  mir  aber  niemals  eingefallen,  Ihnen  solche  Handelsverträge
  zuzumuten.  Auf  veterinärem  Gebiet  haben  wir  allen  Vertragsstaaten
  gegenüber,  mit  Ausnahme  von  Osterreich-Ungarn,  auf  das  ich
gleich  zu  sprechen  komme,  volle  Aktions=  und  Sperrfreiheit.

Gegenüber  Osterreich-Ungarn  lagen  die  Verhältnisse  insofern  anders,
als  wir  hier  mit  der  vertragsmäßigen  Regelung  des  Viehverkehrs  als
dem  bestehenden  Rechtszustand  zu  rechnen  hatten.