170  20.  Die  Handelsverträge.

Belgien  die  Ausfuhrbedingungen  für  unsere  Indnstrie  in  der  Haupt—
sache  auf  dem  bisherigen  Niveau  zu  erhalten.  Dagegen  hatten  Rußland,
Rumänien,  die  Schweiz  und  auch  Osterreich-Ungarn  vor  dem  Eintritt  in
die  Handelsvertragsverhandlungen  mit  uns  neue  Zolltarife  mit  wesentlich
höheren  Zollsätzen  aufgestellt.  Insbesondere  war  es  vorauszusehen,  daß
Rußland  diese  Gelegenheit  benutzen  würde,  um  seine  Industriezölle  für
verschiedene  Branchen  noch  weiter  zu  erhöhen.  Seit  25  Jahren  ist  die
russische  Regierung  bemüht,  wo  die  Bedingungen  hierfür  nur  irgend
vorliegen,  sich  eine  eigene  Industrie  zu  schaffen.

Meine  Herren,  daß  das  die  Folgen  der  von  uns  in  den  achtziger
Jahren  eingeschlagenen  Tarifpolitik  sein  würden,  das  hat  niemand
richtiger  vorausgesehen  als  der  große  Urheber  dieser  Wendung,  Fürst
Bismarck.  Ich  erinnere  mich,  als  Fürst  Bismarck  —  es  muß  im  Jahre
1886  oder  1887  gewesen  sein;  es  war  während  der  damaligen  bulgarischen
  Wirren  —  dem  russischen  Minister  des  Außern  Herrn  von  Giers
in  Franzensbad  einen  Besuch  machte,  klagte  ihm  dieser  lebhaft  über  die
bevorstehende  Erhöhung  der  deutschen  Agrarzölle,  die  nach  seiner,  des
Ministers  von  Giers,  Ansicht  Rußland  schwer  schädigen  würde.  „Ne
pleurez  pas“  —  „weinen  Sie  nicht“,  erwiderte  ihm  Fürst  Bismarck,
„unseren  Agrarzöllen  werden  Sie  eine  russische  Industrie  zu  verdanken
haben.“  Insbesondere  ist  Rußland  seit  25  Jahren  bemüht,  durch  allmähliche
  planmäßige,  zielbewußte  Erhöhungen  seiner  Eisenzölle  sich  eine
eigene  Eisenindustrie  groß  zu  ziehen.  Deshalb  ist  auch  die  deutsche  Ausfuhr
  aus  Oberschlesien  nach  Rußland  in  Roheisen  und  Eisenwaren  in
beständigem  Rückgang  begriffen.  Ahnlich  liegen  die  Verhältnisse  für
andere  Industriebranchen.  Mit  dieser  Sachlage  mußten  wir  rechnen.
Wir  konnten  uns  nicht  der  Illusion  hingeben,  daß  Rußland  im  gegenwärtigen
  Stadium  seiner  Entwicklung  sich  würde  bereit  finden  lassen,
seine  jungen,  mit  großen  Kosten  ins  Leben  gerufenen  Unternehmungen  durch
Herabsetzung  der  Zollschranken  dem  ausländischen  Wettbewerb  preiszugeben.

Trotz  dieser  in  der  Natur  der  Dinge  begründeten  Hindernisse
  ist  es  uns  doch  gelungen,  die  Interessen  unserer  Industrie
und  unseres  Handels  wahrzunehmen.

(Zurufe  links.)
—  Gewiß,  meine  Herren;  denn  eins  dürfen  Sie  nicht  vergessen:  das
ganze  von  uns  auch  weiter  festgehaltene  System  des  Abschlusses  langfristiger
  Handelsverträge  wird  doch  in  erster  Linie  von  der  Rücksicht  auf
die  Interessen  von  Handel  und  Industrie  diktiert.
(Sehr  richtig!  rechts.)