Februar  1905.  175

uns  bemüht,  das  Schiff  nicht  stranden,  nicht  scheitern  zu  lassen,  sondern
es  in  den  Hafen  zu  bringen.

Wenn  uns  gesagt  wird,  wir  hätten  sogleich  nach  der  Annahme
des  neuen  Zolltarifs  alle  Handelsverträge  kündigen  sollen,  um  dann
gegebenenfalls  durch  einen  frischen,  fröhlichen  Zollkrieg  wieder  zu  neuen
Handelsverträgen  zu  kommen,  so  kommt  mir  das  gerade  so  vor,  als
wenn  mich  einer  aufforderte,  auf  die  Kuppel  des  Reichstagsgebäudes
oder  die  Spitze  des  Rathausturmes  längs  dem  Bilitzableiter  zu  klettern.

(Zuruf  bei  den  Sozialdemokraten.  Heiterkeit.)

—  Möglich,  daß  Ihnen  das  gelingen  würde
(Zuruf  bei  den  Sozialdemokraten),

es  ist  aber  auch  möglich,  daß  man  sich  dabei  den  Hals  bricht;  ratsamer
ist  es  jedenfalls,  die  Treppe  hinaufzugehen.  Wer  auf  seinen  Schultern
das  wirtschaftliche  und  das  damit  eng  verknüpfte  politische  Schicksal  des
Landes  trägt,  der  würde  leichtsinnig  handeln,  wenn  er  den  Luftweg
wählte,  statt  zu  versuchen,  auf  der  Treppe,  wenn  auch  langsam,  so  doch
sicherer  zum  Ziele  zu  gelangen.  Wenn  ich  sage,  daß  wir,  wenn  wir
noch  mehr  verlangt  hätten,  alles  gefährdet  und  alles  riskiert  haben
würden,  so  spreche  ich  auf  Grund  meiner  Kenntnisse  der  Lage  der
inneren  deutschen  wie  der  internationalen  Verhältnisse.  Diejenigen,
welche  die  neuen  Handelsverträge  abfällig  kritisieren,  kennen  diese  Lage
und  diese  Verhältnisse  nicht  so  genau  wie  ich.  Ich  will  nicht  sagen,
daß  sie  ins  Blaue  hineinreden,  aber  sie  reden  ohne  ausreichenden  Uberblick
  über  unsere  inneren  und  äußeren  Verhältnisse.

Meine  Herren,  ich  eile  zum  Schluß.  Die  Neuregelung  der  handelspolitischen
  Beziehungen  zum  Auslande  ist  eine  der  wichtigsten,  aber  auch
der  schwierigsten  Aufgaben,  die  der  Regierung  und  der  Volksvertretung
eines  Landes  gestellt  werden  können.  Diese  Fragen  greifen  zu  tief  in
die  vitalsten  Interessen  aller  Erwerbsstände  ein,  als  daß  sie  —  wir
haben  es  vor  drei  Jahren  erlebt  —  nicht  alle  Beteiligten  auf  das  lebhafteste
  bewegen  sollten.  Aber  schließlich  haben  alle  Erwerbsstände  das
gleiche  Interesse  daran,  wieder  zu  ruhigen  und  stabilen  Verhältnissen
zu  kommen.  Deshalb  muß  ein  Ausgleich  geschaffen  werden  durch  gegenseitige
  Rücksicht  und  gegenseitige  Konzessionen.  Ein  solcher  Ausgleich
war  unser  neuer  Zolltarif.  Unter  welchen  Schwierigkeiten  es  gelungen
ist,  diesen  neuen  Zolltarif  unter  Dach  und  Fach  zu  bringen,  das  ist  ja
noch  in  unser  aller  lebhafter  Erinnerung.  Aber  schließlich  ist  es  doch
gelungen,  und  damit  hatte  dieses  Hohe  Haus  den  verbündeten  Regie-