Februar  1905.  179

damit  eine  schwere  Wunde  geschlagen  werden.  Eine  schwere  Wunde
auch  dem  Solidaritätsgefühle  zwischen  Landwirtschaft  und  Industrie.

In  dem  ersten  Stadium  der  Kanaldebatte,  das  jetzt  längst  der
Geschichte  angehört,  stand  die  Landwirtschaft  —  ob  mit  Recht  oder
Unrecht,  will  ich  ganz  unerörtert  lassen  —  unter  dem  Eindruck,  daß
dem  Westen  und  der  Industrie  ein  Vorteil  zugewandt  werden  sollte,
ohne  daß  für  den  Osten  und  für  die  Landwirtschaft  ein  Gleiches  geschehe.
Was  ist  seitdem  geschehen?  Im  Reiche  haben  wir  unter  schwierigen
und  langwierigen  Kämpfen  einen  Zolltarif  zustandegebracht  und
Handelsverträge  abgeschlossen,  welche  den  Forderungen,  den  berechtigten
Forderungen  der  Landwirtschaft  so  weit  entgegenkommen,  als  dies  im
Rahmen  des  Gesamtwohls  und  in  den  Grenzen  des  tatsächlich  Erreichbaren
  nur  irgendwie  möglich  war.  In  diesem  Kampfe  ist  uns  die
Industrie  treu  zur  Seite  gestanden.  In  Preußen  haben  wir  unter
Aufwendung  sehr  erheblicher  Mittel  ein  System  von  Maßnahmen  zur
Jörderung  und  wirtschaftlichen  Kräftigung  des  Ostens  eingeführt  unter
Mitwirkung  der  Industrie.  Endlich  sind  die  Meliorationsvorlagen  für
den  Osten  —  ich  erkenne  das  gern  und  dankbar  an  —  unter  Mitwirkung
aller  Parteien  ohne  Anstand  Gesetz  geworden.  Wenn  nunmehr  der
Rhein-Leine-Kanal  gebaut  wird,  so  kann  das  auch  in  den  Augen  der
östlichen  Landwirte  nicht  eine  einseitige  Bevorzugung  der  Industrie  sein,
sondern  lediglich  ein  Schritt,  der  beweist,  daß  die  Fürsorge  des  preußischen
  Staates  allen  Zweigen  der  erwerbstätigen  Bevölkerung  gleichmäßig
  zugute  kommt.  Meine  Herren,  ich  glaube,  daß  niemand  mehr
das  Recht  hat,  an  meiner  aufrichtigen  Teilnahme  am  Wohle  der  Landwirtschaft
  zu  zweifeln.  Als  Freund  der  Landwirtschaft  nehme  ich  aber
auch  das  Recht  in  Anspruch,  vor  einer  Ubertreibung  der  Tendenzen  zu
warnen,  die  das  Wohl  der  Landwirtschaft  einseitig  und  ohne  Rücksicht
auf  andere  Erwerbsstände  verfolgen  wollen.  Eine  solche  Einseitigkeit,
ein  Mangel  an  Rücksicht  für  gleichberechtigte  Interessen  würde  es  sein,
wenn  jetzt  derjenige  Teil  der  Vorlage  verworfen  werden  sollte,  welcher
den  Anteil  der  Industrie  bildet.  Daraus  würde  ein  Gegensatz  hervorgehen,
  welcher  auf  die  durch  viele  Jahre  zum  beiderseitigen  Vorteile
gepflegte  Solidarität  beider  Berufsstände  und  das  von  dem  Fürsten
Bismarck  immer  und  immer  wieder  empfohlene  Zusammengehen  der
Landwirtschaft  mit  der  Industrie  ungünstig  einwirken  und  für  das  Gesamtwohl,
  für  die  gemeinsame  Arbeit,  für  die  Leistungsfähigkeit  unseres
ganzen  wirtschaftlichen  Systems  eine  ernste  Gefahr  bedeuten  würde.
Wie  im  Reiche  gerade  die  großen  Industriellen  in  Rheinland  und

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