März  1905.  183

Ich  habe  hier  einen  Ausschnitt  vor  mir  liegen  aus  einem  sozialdemo—
kratischen  Blatte,  der  „Schwäbischen  Tagwacht“,  in  der  es  anläßlich  der
jüngsten  Unruhen  in  Petersburg  heißt:

Hätte  die  deutsche  Arbeiterschaft  jenen  Einfluß  auf  den  Staat,

den  sie  anstrebt,  so  würden  morgen  bewaffnete  Heeressäulen  über

die  Grenze  schreiten,  um  den  russischen  Brüdern  Befreiung  zu

bringen.

(Hört!  hört.)
Herr  von  Vollmar  wird  mir  selbst  zugeben,  daß  das  doch  nur  den  Sinn
haben  kann,  daß,  wenn  Sie  könnten,  wie  Sie  wollten,  wenn  Sie  hier
auf  diesen  Bänken  säßen  statt  auf  jenen  Bänken  mir  gegenüber
(Heiterkeit),
Sie  Rußland  den  Krieg  erklären,  Sie  deutsches  Gut,  deutsches  Blut
opfern  würden,  um  in  Rußland  eine  Anderung  der  Staatsordnung  herbeizuführen.
  Und  dabei  wird  mir  noch  von  der  Seite,  die  mir  diesen
Zeitungsausschnitt  vorgelegt  hat,  gesagt,  daß  die  „Schwäbische  Tagwacht"“
ein  relativ  gemäßigtes  sozialdemokratisches  Blatt  wäre,  das  dem  Herrn
Abgeordneten  Dietz  nahe  stehe,  der  mir  als  einer  der  moderierten  Herren
von  der  Sozialdemokratie  bezeichnet  wird.  Wie  mag  es  da  erst  in
anderen  Köpfen  aussehen!
(Große  Heiterkeit.)

Meine  Herren,  nun  hat  der  Herr  Abgeordnete  von  Vollmar  immer
wieder  gesprochen  von  einer  Abhängigkeit  Deutschlands  von  Rußland.
Mich  wundert  es,  daß  der  Herr  Abgeordnete  von  Vollmar  diesen  Vorwurf
  erhoben  hat,  nachdem  ich  so  oft  vor  diesem  Hohen  Hause  ausgeführt
  habe,  daß  wir  nicht  von  Rußland  abhängig  sind,  daß  wir  auch
Rußland  nicht  nachlaufen,  daß  wir  aber  auch  gar  keinen  Anlaß  haben,
uns  Rußland  unangenehm  zu  machen,  wie  dies  manche  Leute  gerne
möchten.  Im  übrigen  machen  mir  derartige  Angriffe,  die  gegen  diese
unsere  angebliche  Abhängigkeit  von  Rußland  gerichtet  werden,  nicht  den
mindesten  Eindruck.  Der  Herr  Abgeordnete  von  Vollmar  hat  soeben
erst  daran  erinnert,  daß  vor  20,  vor  40  Jahren  genau  dieselben  Angriffe
  mit  den  gleichen  Argumenten  und  den  gleichen  Schlagworten  gegen
einen  Größeren  gerichtet  wurden,  gegen  den  Fürsten  Bismarck.  Damals
war  geradeso  die  Rede  vom  deutschen  Russenkurs  wie  heute,  von  angeblichen
  deutschen  Schergendiensten,  die  jedem  Deutschen  die  Schamröte
ins  Gesicht  treiben  müßten.  Damals  führte  Fürst  Bismarck,  wie  ich
mich  genau  erinnere,  einmal  in  einer  Debatte  aus,  daß  er  aus  solchen