196  23.  Abgeordneter  Bebel.

Der  Herr  Abgeordnete  Bebel  hat  drei-  oder  viermal  das  Wort
„Entrüstung“  gebraucht.  Meine  Herren,  da  sich  der  Herr  Abgeordnete
Bebel  für  Änßerungen  des  großen  Fürsten  Bismarck  interessiert,  so  will
ich  ihm  ein  kleines  persönliches  Erlebnis  erzählen.  Als  ich  viel  jünger
war,  schrieb  ich  einmal  als  Geschäftsträger  —  ich  will  nicht  sagen,  von
welchem  Posten  aus  —  einen  Bericht,  in  dem  das  Wort  „Entrüstung“
vorkam.  Da  ließ  mich  Fürst  Bismarck  darauf  aufmerksam  machen,  daß
„Entrüstung“  kein  politischer  Ausdruck  sei.

(Heiterkeit.)
Der  Politiker  —  so  schrieb  mir  Fürst  Bismarck  —  werde  durch  Vorgänge
  mehr  oder  weniger  angenehm  berührt.

(Heiterkeit.)
Er  reagiere  in  dieser  oder  jener  Weise  auf  Vorgänge,  aber  er  entrüste
sich  nicht.  Jedenfalls  sollte  mit  dem  Wort  „Entrüstung“  sparsam  umgegangen
  werden,  und  es  hat  erst  recht  keinen  Wert  im  Munde  desjenigen,
  der  sich  immer  gleich  entrüstet,  wenn  irgend  etwas  gegen  seinen
subjektiven  Strich  geht,  gegen  seine  vorgefaßten  Meinungen,  Rankünen
und  Liebhabereien.  Es  ist  aber,  und  ich  sage  das  bei  diesem  Anlaß
ganz  offen,  eine  alte  deutsche  Sitte  oder  vielmehr  Unsitte,  immer  zu
protestieren,  wenn  irgendwo  im  Auslande  etwas  passiert,  was  uns  in
der  Theorie  als  Unrecht  erscheint.  So  haben  wir  vor  siebzig,  achtzig
Jahren  den  Griechenrummel  gehabt,  ich  habe  eben  von  dem  Polenrummel
  gesprochen,  der  damals  den  Griechenrummel  ablöste,  und  wir
selber  haben  den  Bulgarenrummel  und  den  Burenrummel

(Bewegung)

erlebt.  Jawohl,  meine  Herren,  das  sage  ich  ganz  offen  und  frei.
Und  jetzt  möchte  man  auf  jener  Seite  des  Hauses  einen
Russenrummel  inszenieren.  Das  ist  ein  Beweis  für  die  Richtigkeit
  des  alten  Satzes  von  Hegel,  daß  die  Völker  wenig  aus  der  Geschichte
  lernen.  Was  ich  sage,  meine  Herren,  das  gilt  natürlich  ebenso
gut  für  legitimistische  Schrullen  wie  für  revolutionäre  Schrullen.  Es
ist  ebenso  falsch,  wenn  von  radikaler  und  zum  Teil  auch  von  liberaler
Seite  jetzt  die  inneren  Vorgänge  in  Rußland  betrachtet  werden  lediglich
durch  die  Brille  des  Liberalismus,  als  wenn  man  in  der  Zeit  der
heiligen  Allianz  alles,  was  in  Europa  passierte,  vom  Standpunkt  des
Legitimitätsprinzips  auffaßte.  Und  wenn  der  Herr  Abgeordnete  Bebel
angedeutet  hat,  daß  wir  der  russischen  Regierung  zu  Hilfe  kommen  wollten,
so  kann  ich  ihm  darauf  nur  erwidern,  daß  so  etwas  von  uns  gar  nicht