März  1905.  197

verlangt  wird  und  wir  an  so  etwas  gar  nicht  denken.  Wir  denken
gar  nicht  daran,  uns  in  innere  russische  Verhältnisse  einzu—
mischen,  dentsches  Blut  und  Gut  unnütz  zu  exponieren.  Eine
solche  Interventions-,  eine  solche  Tendenzpolitik  überlassen  wir  der
Sozialdemokratie.  .
(Sehr  gut!  rechts.)

Ob  wir,  meine  Herren,  mit  den  russischen  Regierungszuständen  innerlich
einverstanden  sind  oder  nicht,  ob  wir  in  Rußland  diese  oder  jene
politische  Entwicklung  innerlich  wünschen,  das  kommt  gar  nicht  in  Frage.
Die  Politik  ist  eine  praktische  Kunst,  die  praktisch  betrieben  werden  muß.
Wir  würden  schön  hineinfallen,  wenn  wir  uns  von  abstrakten  Prinzipien
leiten  ließen,  während  alle  anderen,  auch  die  Franzosen,  Herr  Bebel,
nach  ihren  Interessen  gehen.  Ich  habe  hier  eine  Resolution  vor  mir
liegen,  welche  eine  Stuttgarter  Volksversammlung  gefaßt  und  die  sie
mir  zugeschickt  hat.  Da  heißt  es:

Die  Versammlung  anerkennt  es  als  Pflicht  jedes  aufgeklärten

Menschen,  die  russische  Freiheitsbewegung,  soviel  in  seinen  Kräften

steht,  zu  unterstützen.

(Sehr  richtig!  bei  den  Sozialdemokraten.)
Wenn  Sie  „sehr  richtig!“  rufen,  meine  Herren,  so  antworte  ich  darauf,
daß  dieser  Beschluß  jener  Volksversammlung,  mit  Verlaub  zu  sagen,
Unsinn  ist.  Der  aufgeklärte  Mensch  hat  gar  nicht  seine  Finger  in  jeden
fremden  Topf  zu  stecken;  sondern  der  aufgeklärte  Mensch  hat  lediglich
dafür  zu  sorgen,  daß  die  Sicherheit  und  Wohlfahrt  des  eigenen  Landes
nicht  gefährdet  wird.
(Lebhaftes,  mehrseitiges  Bravo.)

24.  Russische  Anleihe.  —  Ostmarkenpolitik.  —  Poluischer  Aufstand  von
1848.  —  Preußische  Versäumuisse.  —  Kulturkampf.

Sitzung  des  Reichstages  vom  17.  März  1905.7)

Die  Beratung  der  letzten  Tage  wurde  in  dieser  Sitzung  zu  Ende  geführt;
noch  zweimal  sah  sich  der  Reichskanzler  veranlaßt,  in  die  Debatte  einzugreifen.

1)  Sten.  Ber.  d.  R.-T.,  11.  Leg.-Per.  I.  Session  1903/05,  166.  Sitzung.