198  24.  Russische  Anleihe.  Ostmarkenpolitik.

Reichskanzler  Graf  von  Bülow:

Der  Herr  Vorredner  5  scheint  die  Vorliebe  für  Freizügigkeit,  der
vorhin  ein  anderer  Redner  seiner  Parteis)  Ansdruck  gegeben  hat,  nicht
auf  das  wirtschaftliche  Gebiet  auszudehnen.  In  so  patriarchalischen
Verhältnissen  leben  wir  aber  doch  nicht  mehr,  daß  ein  derartiger  Eingriff
  in  die  wirtschaftliche  Freiheit  und  in  die  Bewegung  der  Börsen
möglich  wäre,  wie  ihn  der  Herr  Vorredner  zu  wünschen  scheint.  Richtig
ist,  daß  eine  russische  Anleihe  in  Berlin  vor  einiger  Zeit  aufgenommen
  worden  ist,  daß  deutsche  Banken  in  Verbindung  mit  holländischen
  und  russischen  Banken  diese  Anleihe  finanziert  haben.  Richtig  ist
auch,  daß  deutsche  Kapitalisten  es  vorteilhaft  gefunden  haben,  ihr  Geld
in  russischen  Werten  anzulegen.  Das  war  aber  eine  reine  Privatsache.
Für  die  Regierung  stand  die  Frage  so,  ob  sie  dieser  russischen  Anleihe
entgegenarbeiten,  ob  sie  eine  solche  russische  Anleihe  in  Deutschland  verhindern
  sollte  —  dazu  lag  bei  den  guten  politischen  Beziehungen,  in
denen  wir  zu  Rußland  stehen,  keine  Veranlassung  vor.

(Hört!  hört!  links.)

Wenn  die  Japaner  die  Absicht  haben  sollten,  bei  uns  eine  Anleihe  aufzunehmen,
  so  würden  wir  auch  ihnen  keine  Schwierigkeiten  bereiten.  Es
ist  schon  neulich  darauf  hingewiesen  worden,  daß  seinerzeit,  vor  zwanzig
Jahren,  Fürst  Bismarck  eine  Kampagne  gegen  die  russischen  Anleihen
in  Deutschland  eröffnet  hätte.  Man  sollte  sich  dabei  aber  den  Grund
vergegenwärtigen,  der  den  Fürsten  Bismarck  zu  seiner  damaligen  Haltung
  veranlaßt  hat.  Dieser  Grund  war,  daß  Fürst  Bismarck  in  jener
Zeit  annahm,  das  von  Rußland  bei  uns  aufgenommene  Geld  sollte  für
russische  Rüstungen  gegen  Deutschland  verwandt  werden.  Eine  solche
Besorgnis  besteht  heute  nicht,  und  wir  hatten  deshalb  jetzt  keinen  Grund,
uns  gegen  eine  russische  Anleihe  feindlich  zu  stellen.  Derselbe  Fürst
Bismarck  hat,  wenn  mich  mein  Gedächtnis  nicht  täuscht,  beim  Beginn
des  russisch-türkischen  Krieges  eine  russische  Anleihe  in  Deutschland  gern
zugelassen,  und  er  hat,  wie  ich  mich  bestimmt  erinnere,  im  Jahre  1884
oder  1885  offiziös  russische  Anleihen  in  Deutschland  empfehlen  lassen.
Und,  meine  Herren,  wenn  darauf  hingewiesen  worden  ist,  daß  Fürst
Bismarck  allerdings  später  den  russischen  Anleihen  in  Deutschland  entgegengetreten
  ist,  so  kann  ich  Ihnen  auch  hierüber  eine  charakteristische

2)  Abg.  Bernstein.
3)  Abg.  Haase  (Königsberg).