204  25.  Bergarbeiterstreit.

in  den  staatlichen  Bergwerken  des  Saarreviers  bereits  bestehen  und  sich
dort  schon  bewährt  haben.

Wenngleich  ich,  meine  Herren,  es  meinem  Herrn  Nachbar,  dem
Herrn  Ressort-  und  Handelsminister,  überlassen  muß,  diesen  Gesetzentwurf
im  einzelnen  zu  vertreten  und  zu  begründen,  so  möchte  ich  Sie  doch  auch
meinerseits  um  eine  entgegenkommende,  ruhige  und  sachliche  Prüfung
desselben  bitten  und  zu  diesem  Zweck  in  Kürze  einige  Streiflichter  auf
den  vorhergegangenen  Kampf  und  anf  dessen  Begleiterscheinungen  werfen.

Meine  Herren,  ich  erkenne  gern  an,  daß  die  ausständigen  Bergarbeiter
  im  großen  und  ganzen  eine  ruhige  Haltung  bewahrt  haben,
und  daß  die  —  leider  unter  Kontraktbruch  —  niedergelegte  Arbeit  aus
Gründen  der  Vernunft  und  im  Vertrauen  auf  Entgegenkommen  der
Arbeitgeber  und  auf  die  in  Aussicht  gestellten  gesetzlichen  Schritte  wieder
aufgenommen  worden  ist.  Das  ändert  aber  nichts  an  der  Tatsache,  daß
der  Streik  selbst  mit  einer  Unrechtmäßigkeit  begonnen  hat;  es  ändert
nichts  daran,  daß  beim  Beginne  des  Streiks  die  Stimme  der  Leidenschaft
  über  besonnene  Erwägung  die  Oberhand  behalten  hatte.  In
ihren  Lohnforderungen  haben  die  Arbeiter  nichts  erreicht;  ihre  materielle
Lage  hat  sich  verschlechtert  durch  den  Lohnausfall,  der  auf  500000  bis
600000  M.  für  den  Tag  berechnet  worden  ist.  Viel  Not,  viel  Elend
ist  zu  meinem  tiefen  Bedauern  über  manche  Arbeiterfamilie  gekommen.
In  einer  sozialdemokratischen  Zeitung  habe  ich  gelesen,  daß  im  Ruhrrevier
  eine  Bevölkerung  von  zirka  1  Million  Menschen  infolge  des
Streiks  ihren  Lebensunterhalt  um  mehr  als  die  Hälfte  habe  herabsetzen
müssen.  Die  Arbeiter  haben  selbst  erfahren  müssen,  eine  wie
zweischneidige  Waffe  ein  solcher  Lohnkampf  ist.  Mögen  sie
dafür  vor  allem  die  Hetzer  und  Wühler  verantwortlich

machen
(sehr  richtig!),

durch  die  sie  sich  zur  Niederlegung  der  Arbeit  haben  verleiten
lassen.

Auf  der  anderen  Seite  verstehe  ich  ganz  wohl,  daß  die  Zechenbesitzer
  und  daß  die  Organisation  der  Grubenbesitzer,  der  Bergbauliche
Verein,  zunächst  nicht  mit  kontraktbrüchigen  Arbeitern  und  ihren  Vertretern
  verhandeln  wollten.  Dieser  Widerstand  mußte  aber  aufgegeben
werden,  als  die  Königliche  Staatsregierung  im  Hinblick  auf  die  weitreichenden
  schädlichen  Folgen  dieses  Ausstandes  von  nahezu  200  000  Bergarbeitern
  im  größten  Kohlenrevier  der  preußischen  Monarchie  mit  den