206  25.  Bergarbeiterstreik.
liche  Wachsen  der  Saat  des  Hasses  gegen  die  bestehende  Ordnung  der

Dinge
(sehr  richtig),

der  Unzufriedenheit  mit  Gott,  Staat,  Obrigkeit,  jene  utopistische  Vorstellung
  von  einer  Welt,  wo  es  keine  Großen  und  Kleinen,  keine  Armen
und  Reichen,  wo  es  nicht  einmal  mehr  gute  und  böse  Menschen  geben
soll.  Es  ist  auch  möglich,  daß  die  lokalen  Führer  der  sozialdemokratischen
  Gewerkschaften  im  Ruhrrevier  diesmal  vom  Ausbruch  des  Streiks
abgeraten,  daß  sie  sich  um  einen  ruhigen  Verlauf  des  Streiks  bemüht
haben.  Als  aber  das  Unheil  im  Gange  war,  setzte  die  sozialdemokratische
  Presse  auf  der  ganzen  Linie  ein,  um  den  Kampf  nach  Möglichkeit
zu  verbittern  und  zu  vergiften.  Der  nicht  nur  von  der  Autorität  des
Gesetzes  diktierte,  sondern  wirklich  arbeiterfreundliche  Rat  des  obersten
Reichsbeamten,  sich  nicht  zu  Ausschreitungen  hinreißen  zu  lassen,  wurde
von  dem  Führer  der  sozialdemokratischen  Partei  im  Reichstage  als  eine,
wie  er  sich  ausdrückte,  Provokation  der  Bergarbeiter  verschrien.  Statt
zu  beruhigen  wurde  aufgereizt.  Die  Ankündigung,  daß  bestimmte  Beschwerden
  der  Bergarbeiter  abgestellt  werden  sollten,  war  angeblich  „ein
Hohn  auf  die  Lage  der  Bergarbeiter“  und  durfte  dieselben  „unter  keinen
Umständen“  veranlassen,  die  Arbeit  wieder  aufzunehmen.

Meine  Herren,  es  ist  mir  wohl  bekannt,  daß  in  den  Kreisen  des
Bergbaulichen  Vereins  die  Ansicht  vorherrscht,  der  Streik  wäre  anders
verlaufen,  wenn  die  staatlichen  Organe  sich  gar  nicht  um  denselben  gekümmert
  hätten.

(Sehr  richtig!  bei  den  Nationalliberalen.)

In  diesem  Falle,  so  meint  man,  hätte  der  Streik  vielleicht  noch  länger
gedauert,  aber  mit  einer  völligen  Niederlage  nicht  nur  der  verhetzten
Bergarbeiter,  sondern  auch  der  Sozialdemokratie  geendigt.

(Sehr  richtig!  bei  den  Nationalliberalen).

Meine  Herren,  ich  will  von  den  besonderen  Gefahren  gerade  dieses
Streiks  für  unser  ganzes  Wirtschafts=  und  Erwerbsleben  absehen.  Ich
will  auch  davon  absehen,  daß  im  Ruhrrevier  die  christlichen  und  freisinnigen
  Bergarbeiter  sich  mit  den  sozialdemokratischen  ungefähr  das
Gleichgewicht  halten.  In  der  Politik,  meine  Herren,  kommt  es  aber
nicht  nur  auf  die  rechte  Gesinnung,  es  kommt  auch  auf  die  Anwendung
der  tauglichen  Mittel,  es  kommt  auf  die  beste  Wahl  der  Zeit  und  des
Terrains  für  den  Kampf  an.  Bei  der  notorischen  Übermacht  der  Zechenbesitzer
  würden  die  Unternehmer  in  diesem  Falle  das  Stilliegen  der