März  1905.  209

Meine  Herren,  der  Herr  Abgeordnete  Bebel  hat  im  Eingang  seiner
Ausführungen  den  bevorstehenden  Besuch  Seiner  Majestät  des  Kaisers
in  Tanger  in  Verbindung  mit  der  Marokkofrage  berührt.  Ich  halte  es
auch  heute  nicht  für  opportun,  mich  eingehend  und  im  einzelnen  über
die  Marokkofrage  zu  äußern.

(Sehr  richtig!  rechts.)

Ich  nehme  aber,  nachdem  diese  Frage  nun  einmal  angeschnitten  worden
ist,  keinen  Anstand,  zu  sagen,  daß  ich  mit  den  Ausführungen  meines
Herrn  Vorredners,  des  Herrn  Abgeordneten  von  Kardorff,  über  diesen
Punkt  durchaus  einverstanden  bin.  Seine  Majestät  der  Kaiser  hat
gerade  vor  Jahresfrist  Seiner  Majestät  dem  König  von  Spanien
erklärt,  Deutschland  erstrebe  in  Marokko  keine  territorialen
Vorteile.  Nach  dieser  bestimmten  Erklärung  ist  es  aussichtslos,
  dem  Besuche  Seiner  Majestät  in  Tanger  irgendwelche
selbstsüchtigen,  gegen  die  Integrität  oder  die  Unabhängigkeit
von  Marokko  gerichteten  Absichten  unterzuschieben.  Ein  berechtigtes
  Motiv  zur  Beunruhigung  kann  also  aus  diesem
Besuche  niemand  herleiten,  der  selbst  keine  aggressiven  Zwecke
verfolgt.

Unabhängig  von  dem  Besuche  und  unabhängig  von  der
Territorialfrage  läuft  aber  die  Frage,  ob  wir  in  Marokko
deutsche  wirtschaftliche  Interessen  zu  schützen  haben.  Das
haben  wir  allerdings.

Wir  haben  in  Marokko  ebenso  wie  in  China  ein  erhebliches
  Interesse  an  der  Erhaltung  der  offenen  Tür,  d.  h.  der
Gleichberechtigung  aller  handeltreibenden  Völker.  Fürst  Bismarck
  hat  einmal  gesagt,  man  könne  es  keinem  Staat  verübeln,  wenn
er  für  nachweisbare  Interessen  eintritt;  verübeln  könne  man  nur  dem,
der  sich  —  wie  Fürst  Bismarck  sich  ausdrückte  —  aus  Böswmilligkeit
in  eine  Sache  einmischt  ohne  nachweisbare  Interessen.  Das  ist  nicht
unser  Fall.  Die  deutschen  wirtschaftlichen  Interessen  in  Marokko  sind,
wie  bekannt,  recht  erheblich,  und  wir  haben  dafür  zu  sorgen,  daß  sie
gleichberechtigt  mit  denen  aller  anderen  Mächte  bleiben.

Nun  hat  der  Herr  Abgeordnete  Bebel  gemeint,  unsere  Politik
gegenüber  Marokko  sei  eine  andere  geworden.  Ich  muß  den
Herrn  Abgeordneten  Bebel  zunächst  darauf  aufmerksam  machen,  daß
sich  die  Sprache  und  die  Haltung  des  Diplomaten  und
des  Politikers  nach  den  Umständen  richten.  Den  Zeitpunkt,
  den  ich  für  geeignet  halte  für  die  Wahrung

Penzler,  Fürst  Bülows  Reden  2c.  II.  14